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Einleitung – Die Wurzeln des oberschlesischen Regionalismus

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1.3. Die Wurzeln des oberschlesischen Regionalismus

1.3.1. Interkultureller Lebensraum

Die Zugehörigkeit Oberschlesiens zu verschiedenen Staaten ist nicht ohne Einfluß auf die dort lebenden Menschen geblieben. Schon im 15. Jahrhundert kam es zur Herausbildung einer oberschlesischen Mischgruppe, die durch die ethnische und sprachliche Vermischung der polnischen und deutschen Bevölkerung entstand. Zu einer einheitlichen Sprachgemeinschaft ist es jedoch nicht gekommen. Im 17. Jahrhundert entstand für die oberschlesische Mundart die Bezeichnung wasserpolnisch.27

Die Wirkung deutscher, polnischer und weniger tschechischer Einflüsse führte zum Bilingualismus der Oberschlesier. Nicht selten war die Sprache nicht mit der nationalen Identität der Oberschlesier identisch. Bei den Einheimischen entstand ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Oberschlesier verschiedener Nationali-täten besuchten die gleichen Schulen, waren meistens katholisch, waren Mitglieder gleicher gesellschaftlicher Organisationen, und vor allem heirateten sie auch untereinander.28

Das Zusammengehörigkeitsgefühl wurde zusätzlich durch die konfessionelle Struktur Oberschlesiens verstärkt. Als es im 18. und 19. Jahrhundert zum wirtschaftlichen Aufschwung Oberschlesiens kam, nahm die Zuwanderung von Reichsdeutschen zu. Diese Bevölkerung, die meistens evangelisch war, besetzte die besser bezahlten Stellen in verschiedenen Betrieben. Auch der Kulturkampf verstärkte die Zusammenarbeit der polnischen und deutschen Katholiken in Oberschlesien. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nahm auch die Abneigung gegen die polnischen Arbeiter aus Galizien und Kongreßpolen zu. Sie war durch die größere Konkurrenz am Arbeitsmarkt bedingt. Die Oberschlesier beobachteten auch die gesellschaftlichen und kulturellen Unterschiede gegenüber den Zuwanderern aus anderen Gebieten. All das verstärkte das oberschlesische Zusammengehörigkeitsgefühl.29

1.3.2. Anfänge des Autonomiegedankens

Die Anfänge von autonomen Bestrebungen in Oberschlesien kann man schon im Jahre 1872 beobachten, als die Zeitung „Schlesier-Ślązak” erstmals erschein. Diese Zeitung wurde in den Jahren 1872 bis 1879 herausgegeben. Sie war in polnischer und deutscher Sprache verfaßt. Die Gruppierung um die o.e. Zeitung war aber nicht populär und bis 1918 hatte sie keine größere Bedeutung.30 Größere Bedeutung gewannen die autonomen Bewegungen im Teschener Gebiet, u.a. die „Schlesische Volkspartei – Śląska Partia Ludowa“ von Józef Kożdoń. Da diese Partei im österreichischen Teil Oberschlesiens wirkte, ist sie nicht Gegenstand dieser Arbeit.31

Der Höhepunkt der autonomen und separatistischen Bestrebungen in Oberschlesien datiert man jedoch auf die Jahre 1918 bis 1922, als die Zukunft dieser Region noch nicht bestimmt war. Zu diesen Bewegungen gehörten sowohl die polnischsprechenden als auch die deutschsprechenden Oberschlesier. Einer der wichtigsten Vertretern dieser Richtung war die Zentrumspartei und der daraus entstandene separatistische „Bund der Oberschlesier – Związek Górnoślązaków”.32 Eine Art von polnischer Antwort auf diese Bestrebungen war die Konzeption einer Autonomie für die Schlesische Woiwodschaft, die von Wojciech Korfanty und Józef Buzek entwickelt wurde. Die Entwicklung des Autonomiegedankens bei diesen Parteien wird in folgenden Kapiteln näher veranschaulicht.

Neben diesen beiden Gruppen verfolgten noch andere Organisationen autonome Ziele: „Polnischer Verband der oberschlesischen Autonomisten“ (Polski Związek Górnoślązaków Autonomistów), die von A. Stroka angeführte „Oberschlesische Einheit“ (Jedność Górnośląska) und die Gruppierung um Teofil Kupka. Von diesen drei Organisationen konnte lediglich die Bewegung um Teofil Kupka eine größere Bedeutung abspielen. Aus einem Mitarbeiter von Wojciech Korfanty wurde er zu seinem erbittersten Feind. Kupka warf Korfanty vor, daß dieser die wichtigsten Stellen im polnischen Plebiszitkommissariat durch die Schlachtschitzen aus Kongreßpolen besetzte. Deshalb gründete Kupka einen oberschlesischen Plebiszitkommissariat und begann am 6. November 1920 die Zeitschrift „Wola Ludu – Wille des Volkes“ herauszugeben. Er wurde durch den deutschen Geheimdienst finanziell unterstützt. Die Propaganda Kupkas fand einen großen Anklang in Oberschlesien. Die Position von Korfanty begann zu schwanken. Am 20. November 1920 wurde Teofil Kupka in seinem Haus in Beuthen erschossen. Die Indizien deuten daruaf hin, daß hinter diesem Attentat Korfantys Gefolgsleute stehen.33

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