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Schlußfolgerungen

Das Ende des 1. Weltkriegs brachte viel Verwirrung in und um Oberschlesien. Polen und die Tschechoslowakei stellten Ansprüche auf Oberschlesien. Das besiegte Deutschland wollte auf dieses Gebiet jedoch nicht verzichten. Es wurden verschiedene Vorschläge zur Lösung der oberschlesischen Frage eingebracht. Zu ihnen gehörten auch solche, die das Streben vieler Oberschlesier nach mehr Selbstverwaltung und sogar nach Autonomie oder Neutralität Oberschlesiens zum Ziel hatten. Diese Konzeptionen stützten sich auf die Überzeugung, daß das oberschlesische Volk durch das jahrhundertlange Zusammenleben von Deutschen, Polen und Tschechen seine jeweilige Nationalität schon überwunden und ein eigenes regionales Bewußtsein entwickelt hatte.

Die Einstellung der Zentrumspartei zur oberschlesischen Frage unterlag einem großen Wandel. Sie reichte von der Freistaatskonzeption über eine weitgehende Autonomie bis hin zu einer eigenen Provinzverwaltung. Viele Historiker warfen dieser Partei vor, daß das Bestreben nach Neutralität oder nach Autonomie nur eine Abstimmungspropaganda gewesen sei. Dies ist zum Teil richtig, man sollte aber nicht vergessen, daß die Zentrumspartei eine Volkspartei war, zu der verschiedene Persönlichkeiten gehörten. Sie vereinte sowohl deutsch- als auch polnischorientierte Katholiken. Einmal gewann die eine Konzeption der Partei die Überhand, zu einem anderen Zeitpunkt wendeten sich andere Kreise der Partei einem anderen Ansatz zu. Auch wenn die Autonomieforderungen nur eine prodeutsche Propaganda gewesen wären, so haben sie den Oberschlesiern letztlich trotzdem eine größere Selbstverwaltung gebracht und ihre Heimat zu einer eigenständigen Provinz erhoben.

Das „Organische Statut der Woiwodschaft Schlesien“ war vor allem als ein Propagandamittel gegen die deutschen Autonomievorschläge gedacht. Es hat diese Woiwodschaft zu einer autonomen Region erhoben. Dies führte dazu, daß die Oberschlesier weiterhin ihre Eigenart beibehalten konnten. Es ist auch heute erkennbar, daß in Ostoberschlesien, das in den Jahren 1922-39 zusammen mit ehemals österreichischen Gebieten die Woiwodschaft Schlesien bildete, die Wünsche nach mehr Selbstverwaltung einen größeren Anklang finden als in Westoberschlesien.

Noch verwickelter war die Situation im Bund der Oberschlesier. Einige Historiker halten diese Organisation für deutschorientiert, weil sich durch ihre Politik das unentschlosseneschwebende Volkstum von der polnischen Seite abgewendet habe. Andere behaupten, daß sie dem deutschen Flügel in Oberschlesien deutlich geschadet habe. Die Betrachtung der Zeitgenossen war auch nicht anders. Einerseits hat die preußische Regierung Ewald Latacz verboten, öffentlich für die Selbständigkeit Oberschlesiens einzutreten, anderseits hat der erste Generalsekretär des BdO – ZG, Thomas Reginek, diese Organisation verlassen, da seiner Meinung nach im Bund der Oberschlesier die prodeutsche Politik immer mehr zugenommen habe.

Obwohl Autonomieforderungen nur im sehr geringen Maße realisiert wurden, ermöglichte diese Umsetzung den Oberschlesiern, mehr Einfluß auf die Entwicklung der eigenen Heimat zu nehmen. Der an Polen gefallene Teil Oberschlesiens wurde zur autonomen Woiwodschaft. Dem bei Deutschland verbliebenen Teil wurde eine Selbstverwaltung auf Ebene einer eigenen Provinz gewährt. Oberschlesien gelang es, die Aufmerksamkeit der beiden Staaten auf sich zu ziehen. Die oberschlesische Bevölkerung auf beiden Seiten der Grenze konnte endlich umfassender über die Zukunft ihrer Heimat entscheiden.

Die Autonomisten erlitten jedoch auch eine bittere Niederlage. Einer ihrer Leitforderungen, die Wahrung der Einheit Oberschlesiens, konnte nicht realisiert werden. Sie konnten die Teilung Oberschlesiens, die bis heute fortdauert, nicht verhindern.

Im heutigen Oberschlesien ist der Autonomiegedanke wieder aktuell geworden. Zu den bekanntesten Befürwortern der Autonomie Oberschlesiens zählt der Schriftsteller Stanisław Bieniasz.131 Im westlichen Europa kann man seit den 70er Jahren die zunehmende Bedeutung regionaler Bewegungen beobachten. Sie sind auf Grund zunehmender Disproportionen zwischen der Entwicklung des Zentrums und der Randprovinzen entstanden. Im sozialistischen Polen, das ein zentralistisch ausgerichtetes Land war und regionale Besonderheiten unterdrückte, waren solche Bewegungen nicht möglich. Erst mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems im Jahre 1989 kam es auch in Oberschlesien zur Tätigkeit von Organisationen, die regionale Eigenarten zu schützen versuchen. Zu den wichtigsten gehören die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Deutschen (Towarzystwo Społeczno-Kulturalne Niemców), die Bewegung für die Autonomie Schlesiens (Ruch Autonomii Śląska) und der Oberschlesische Bund (Związek Górnośląski).

Am 9. Februar 2002 fand in Oppeln der Oberschlesische Runde Tisch statt. Dies war das erste offizielle Treffen der drei größten regionalen Organisationen Oberschlesiens. Es ist bedauerlich, daß dieses Ereignis erst 12 Jahre nach der Demokratisierung Polens möglich war.


Abb. 5: Der Oberschlesische Runde Tisch

Die weitgehendsten Forderungen werden durch die Bewegung für die Autonomie Schlesiens (BAS) gestellt. Diese Organisation wurde im Januar 1990 in Rybnik gegründet. Laut Satzung hat sie sich die Bildung eines autonomen Oberschlesiens mit eigenem Haushalt zum Ziel gesetzt. Wenn man die programmatischen Schriften studiert, erkennt man eine Vision von Oberschlesien, die man mit einer Euroregion vergleichen kann. Ein solches Oberschlesien sollte danach durch Attributte wie ein eigenes Parlament, eigene Finanzen und eine eigene Regierung charakterisiert sein. Dieses Ziel will die BAS auf friedlichem Wege und durch Anwendung der geltenden demokratischen Prozeduren erreichen. Nach Auffasung der Bewegung tastet ein autonomes Schlesien weder rechtliche Grundlagen der Republik Polen noch die Rechtsordnung Europas an.

Die Schaffung einer Autonomie in Oberschlesien muss mit einer allgemeinen Staatsreform verknüpft werden. Diese Reform soll die Besonderheiten der einzelnen Regionen und die sich daraus ableitenden Identitäten verschiedener regionaler, ethnischer oder nationaler Gruppen sowie Forderungen dieser Gruppen nach politischer Autonomie berücksichtigen. Die Bewegung für die Autonomie Schlesiens vertritt die Vision einer solcher Staatsstruktur, die eine weitgehende Dezentralisierung des Landes ermöglicht. Ein solcher Staat sollte dem Beispiel anderer demokratischer Staaten Europas folgen und zu einem regionalen Staat werden. Polen als ein föderativer Staat wäre für die BAS die ideale Lösung.

Die Autonomisten knüpfen Kontakte zur verschiedenen regionalen, regionalistischen, ethnischen und freiheitlichen Organisationen in Europa. Seit einem Jahr genießt die BAS im Vorfeld einer späteren Vollmitgliedschaft Beobachterstatus innerhalb der Demokratischen Partei der Völker Europas – Freie Europäische Allianz, die regionale Parteien im Europäischen Parlament vereint. Die Bewegung arbeitet mit den Gemeinschaften der Bretonen, Basken, Mährer, Schotten, Tiroler, Waliser, etc. zusammen, sofern diese ihre Ziele mit friedlichen Mitteln umzusetzen versuchen. Als ein Mitglied der europäischen Familie, die verschiedene regionale und autonome Bewegungen und Parteien vereint, setzt sich die Bewegung für die Autonomie Schlesiens für ein regionales Europa, für ein Europa der 100 Fahnen ein. Diese Konzeption wurde vom bretonischen nationalen Aktivisten Yann Fouere entwickelt. Seiner Meinung nach verdient nur ein solches Europa das Recht, als eine wirkliche europäische Gemeinschaft betrachtet zu werden, welches die regionalen Besonderheiten und Identitäten verschiedener ethnischer, sprachlicher und nationaler Gruppen respektiert.

Jeder Mensch, der einer größeren Gemeinschaft angehört, soll das Recht haben, über seine Zukunft und über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe selbst zu entscheiden. Anstatt Untertanen der bürokratischen Staatsstrukturen zu sein, sollen endlich alle Europäer, und mithin auch die Oberschlesier, Nutznießer der demokratischen Rechtsregelungen werden, die das Primat des Individuums über eine administrative Struktur stellen. Die Bewegung für die Autonomie Schlesiens wiedersetzt sich deshalb konsequent sowohl der Konzeption eines europäischen Superstaates wie auch einer Gemeinschaft von Nationalstaaten, in der die regionalen Besonderheiten nicht respektiert werden.

Die Bewegung für die Autonomie Schlesiens ist keine regionale Organisation, die nur die Interessen einer in unserer Region lebenden nationalen oder ethnischen Gruppe repräsentieren will. Die BAS versucht alle Schlesier, unabhängig von ihrer ethnischen, religiösen oder sprachlichen Option zu repräsentieren. Sie verheimlicht aber nicht, daß die Angelegenheiten der ethnischen Schlesier, die Förderung der schlesischen Kultur und das Erwecken der schlesischen Identität für sie zu den Hauptzielen gehören. Unerlässliche Elemente der schlesischen Identität bilden Symbole, die vom Zusammengehörigkeitsgefühl der schlesische Gemeinschaft und von dem gemeinsamen Erbe der Bevölkerung unserer Region zeugen. Die schlesische Symbolik, sowohl die ober- wie auch die niederschlesische, ist ein unerlässlicher Teil des Ringens um politische Autonomie, sowie Merkmal dessen, was die BAS als Schlesiertum versteht. Um die schlesische Symbolik zu popularisieren, tut die Bewegung für die Autonomie Schlesiens folgendes:

  • Sie benutzt selbst und setzt sich ein für den Gebrauch der gelb-blauen Fahne mit dem oberschlesischen Adler für die Region Oberschlesien und der weiß-gelben Fahne mit dem schwarzen Adler sowohl für die Region Niederschlesien wie auch für das gesamte Territorium durch alle staatlichen und kommunalen Behörden wie auch durch die in Schlesien tätigen Vereinigungen ein.
  • An jedem ersten Sonntag nach dem Tag der Hl. Hedwig werden von ihr auf dem Annaberg Veranstaltungen organisiert, die diese für Schlesien wichtige Gestalt ehren und die mit einer Pilgerfahrt der BAS-Mitglieder und deren Teilnahme an der heiligen Messe in der Basilika verknüpft sind.
  • Sie unterstreicht die Bedeutung und die geistige Dimension des Sanktuariums auf dem Annaberg für die oberschlesische Gemeinschaft. Es ist ein Symbol, das alle Oberschlesier vereint und das traditionell mit Zusammenarbeit und gegenseitiger Respektierung verschiedener Einwohner unserer Region assoziiert wird.
  • Sie wendet sich gegen die administrative Zerstückelung Oberschlesiens und ist gegen die Begründung der so genannten neuen Identität. Im Kampf um die Vereinigung Oberschlesiens in historischen Grenzen wird die Bedeutung von Oppeln, als der traditionellen Hauptstadt der Provinz, unterstrichen.
  • Sie fordert einen resoluten Schutz des schlesischen Kulturgutes und lehnt dessen ausschließlich kommerziellen Gebrauch ab; aus Schlesien gestohlene Kulturgüter sollen nach Schlesien zurückgegeben werden.

Die Bewegung hat die rechtliche Annerkennung der schlesischen Nationalität unterstützt. Es wurde versucht, die Vereinigung der Bevölkerung Schlesischer Nationalität (Związek Ludności Narodowości Śląskiej) vor dem polnischen Gericht zu registrieren. Dieser Antrag wurde sowohl von dem zuständigen polnischen wie auch vom europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg abgelehnt. Nach Meinung mancher Wissenschaftler begründet sich die Ablehnung nicht durch meritorische, sondern nur durch politische Argumentationslinien.132 Im Rahmen einer Untersuchung im Jahre 1996 in der damaligen Woiwodschaft Kattowitz gaben 12,4% als ihre Nationalität die schlesische an. Wenn diese Umfrage repräsentativ wäre, hätte dies bedeutet, daß es ca. 490.000 Mitglieder einer schlesischen Nationalität gäbe. Dies wäre dann die größte Minderheit Polens. Zur genannten Größe wären darüber hinaus noch die sich ebenso bekennenden Oberschlesier der Woiwodschaft Oppeln hinzurechnen. Die Befragung ergab ferner, daß sich 18,4% der Befragten als polnische Oberschlesier und 2,4% als deutsche Oberschlesier betrachten. Zudem wurde festgestellt, daß aus Sicht vieler Polen die Oberschlesier nicht als Teil der polnischen Nation betrachtet werden.133

Die Bewegung für die Autonomie Schlesiens vergisst jedoch die anderen nationalen und ethnischen Gruppen in Oberschlesien nicht. Diese Politik führt dazu, daß unter den Mitgliedern der Bewegung außer ethnischen Oberschlesiern auch Polen und Deutsche zu finden sind. Die Mehrsprachigkeit eines Gebietes, in dem geschlossene Minderheitsgruppen leben, sollte für die staatlichen Behörden nicht ein Akt der Wohltat, sondern ein Standard in der Minderheitspolitik werden.

Die BAS nimmt sehr oft Stellung zu wirtschaftlichen Fragen. Die Arbeitslosigkeit, die vornehmlich aus der Liquidation großer Industriebetriebe resultiert, wurde zu einem der brennendsten Probleme Oberschlesiens. Die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen ist notwendig. Die Autonomisten meinen unterdessen, daß ein ausgeprägtes wirtschaftliches Konzessionssystem Investitionen in Oberschlesien blockiere. So müsse z. B. ein westlicher Investor eine Genehmigung des Warschauer Ministeriums erhalten, um ein Gründstück zu kaufen. Deshalb solle man den Einfluss Warschaus auf die schlesische Wirtschaft auf ein Minimum beschränken.


Abb. 6: Das Wappen der Bewegung für die Autonomie Schlesiens

Die Entwicklung der letzten Monate (im Jahre 2001 haben 3 Kandidaten der BAS bei Wahlen zum polnischen Senat zusammen ca. 130.000 Stimmen erhalten; im Jahre 2002 wurden schon 3 neue Ortsverbände gegründet) zeigt, daß die Bewegung für die Autonomie Schlesiens den richtigen Weg gewählt hat. Bleibt nur zu hoffen, daß die regionalen Bestrebungen in Oberschlesien, die durch die Unzufriedenheit mit der Modernisierung der Montanindustrie noch verstärkt werden, friedlich verlaufen werden und daß es zu keinem ethnischen Konflikt kommt.

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