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Der Schlesier: Oberschlesische Autonomisten marschieren in Kattowitz auf

In der Septemberausgabe 2010 veröffentlichte Der Schlesier einen Bericht von Johanna Grund über die Autonomiebewegung in Oberschlesien und den Marsch für die Autonomie Schlesiens in Kattowitz.

Oberschlesische Autonomisten marschieren in Kattowitz auf

Von Johanna Grund

In Kattowitz besteht seit 20 Jahren, nachdem der Kommunismus in Schlesien zusammengebrochen war, ein etwas seltsamer Verband, der – zuerst nur spöttisch belächelt – mit erstaunlichem Lebenswillen durch die Jahre gewachsen und inzwischen zur drittstärksten politischen Kraft im Sejmik, dem Landtag, geworden ist. Es ist der „Verband der Bürger schlesischer Nationalität“ („Zwiazek Ludnosci Narodowosci Slaskiej“). Die Bewegung will das in die Woiwodschaften Schlesien (Kattowitz) und Oppeln geteilte Oberschlesien unter einem Autonomiestatus, aber unter polnischer Staatsgewalt, vereinigen und vertritt diese Forderungen immer massiver in der Öffentlichkeit. Nicht Deutsche sein und auch nicht Polen, sondern Schlesier! – lautet das Glaubensbekenntnis dieses Verbandes. Im Juli veranstaltete er einen großen Aufmarsch durch Kattowitz mit lauter jungen Oberschlesiern, meist jünger als 35. Der polnischen Administration bereitet diese Entschlossenheit zunehmend Kopfschmerzen.

[…]

Weder deutsch noch polnisch

In Oberschlesien leben ja die meisten der 320 000 Deutschen, die sich offiziell laut Volkszählung zu ihrem Volkstum in den okkupierten Gebieten bekennen. Die Polen brauchten sie nach der Machtübernahme 1945 als Bergarbeiter und begründeten dies mit dem „schwebenden Volkstum“ deutsch-polnisch und der „Polonisierungsfähigkeit“ der Stammbewohner, Das hatten die Polen schon 1921 versucht. Obwohl damals in der Volksabstimmung 85,4 Prozent der Ka-ttowitzer Bürger für den Verbleib bei Deutschland stimmten, trennte der Völkerbund (Vorläufer der UNO) fast das ganze Industriegebiet von Deutschland ab und übergab es an Polen. Als Zuckerbrot schenkte die polnische Regierung der Stadt Kattowitz und dem umliegenden oberschlesischen Gebiet eine Schein-Autonomie und machte Kattowitz zum Verwaltungssitz der „Woiwodschaft Schlesien“.

Der „Verband der Bürger schlesischer Nationalität“ will offenbar diese Autonomie nun wieder haben, wobei er damit bewußt die Nationalbegriffe „Deutsch“ und „Polnisch“ zu ersetzen trachtet. […]

Motto der Demonstranten: „Wir schaffen es!“

[…] Am Aufmarsch durch Kattowitz für die „Autonomie Schlesiens“ nahmen viele tausend Menschen teil und legten stundenlang den Verkehr lahm. Transparente und Fahnen zeigten die Farben Oberschlesiens blau und gelb und das gesamt-schlesische Banner weiß und gelb.

Der Marsch stand unter dem Motto „Poradzymy“ („Wir schaffen es“) und ahmte die Worte Obamas „Yes, we can“ aus dem US-amerikanischen Wahlkampf nach. Die Wiederherstellung der Einheit Oberschlesiens von Carlsruhe bis Myslowitz wurde gefordert und eine Autonomie, die etwa der Südtirols entspricht. Auch andere europäische Minderheiten marschierten aus Sympathie mit – Waliser, Schotten, Friesen und Basken.

Kattowitz hat heute als größte Stadt Oberschlesiens über 300 000 Einwohner und ist nicht überall mit seinem Anspruch in Schlesien beliebt. In Oppeln jedenfalls will man die Verwaltungseinheit behalten und sich nie wieder Kattowitz unterwerfen. Mit Niederschlesien scheinen die Autonomisten gar nichts im Sinn zu haben. Höchstens akzeptieren sie noch dessen Dasein als Enklave auf dem Weg nach Deutschland. Ihren nächsten Marsch für die Einheit Oberschlesiens wollen sie am 16. Oktober in Rosenberg veranstalten.

Quelle: Der Schlesier

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