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Interview: Autonomie für Oberschlesien

Interview des Internet-Magazins www.silesia-schlesien.com mit Robert Starosta,
Vorsitzender der Initiative der Autonomie Schlesiens e.V.

Silesia: Im Vorgespräch erwähnten Sie, dass Sie in diesem und auch im letzten Jahr bei dem Marsch für eine Autonomie Schlesiens in Kattowitz teilgenommen haben.
Starosta: Das ist richtig. In diesem Jahr haben wir offiziell als Verein, der Initiative der Autonomie Schlesiens mit einen Banner an der Demonstration teilgenommen. Wir wollen auch an weiteren Veranstaltungen zur Autonomie Schlesiens teilnehmen.

Silesia: Herr Starosta, was sagen Sie dazu, dass die jetzige Autonomiebewegung in Schlesien auf die einstigen Autonomisten zurückreicht?
Starosta: Die Verwerfungen nach dem ersten Weltkrieg und die Situation in der es zu der Autonomie gekommen war, ist eine ganz andere und mit heutigen Lage nicht vergleichbar.
Die jetzige Autonomiebewegung ist zwar logischerweise im stärksten im Verwaltungsbezirk Schlesien vertreten, greift aber in den letzten Jahren in den benachbarten Verwaltungsbezirk Oppeln über. Viele, vor allem junge Menschen kommen von der deutschen Minderheit und fühlen sich dort nicht angemessen vertreten bzw. können ihre Region nicht mitgestalten.

Silesia: Welche Bedeutung haben Regionen und Selbstverwaltung in der Republik Polen im 21.Jahrhundert?
Starosta: Nach den Jahrzehnten des Kommunismus und einer Umbruchsphase wurden die vorher 49 Kleinwoiwodschaften am 1.Januar 1999 durch 16 Woiwodschaften ersetzt. In diesen Prozess hat man allerdings vergessen Oberschlesien einzubeziehen, der Außenstehende hat den Eindruck dass Oberschlesien aus der Woiwodschaft Schlesien besteht, was nicht richtig ist.
Die Republik Polen ist ein zentralistischer, d.h., stark auf Warschau ausgerichteter Staat. Ein solches Staatsmodell ist nicht mehr zeitgemäß, zumindest in einem flächenmäßig so großen Staat wie Polen.

Silesia: Welche Lösungsansätze gibt es für mehr Eigenverantwortung der Regionen oder Autonomie?
Starosta: Stichwort – Dezentralisierung. Vor einigen Jahren hat das Tschechien vorgemacht und seinen Regionen größeren Handlungsspielraum gegeben. Das heißt mehr Selbstverantwortung und Selbstverwaltung für die Regionen.
Beispiel Belgien: Belgien war bis in die 1970er Jahre zentral regiert. Man hat damals beschlossen, Belgien in drei Bundesländer zu teilen und ist seit 1993 ein Bundesstaat. So entstanden Regionen Brüssel, Flandern und Wallonien, zu der auch die deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens gehört. Sie besitzt ein eigenes Parlament in Eupen.
Polen ist doch recht frankophil orientiert und selbst Frankreich hat 2003 begonnen, die Dezentralisierung seines Landes voranzubringen (Seit dem 28. März 2003 besagt ein Zusatz zu Artikel 1 der Verfassung, dass die staatliche Organisation Frankreichs dezentralisiert sei).
Ich sehe in jeden Fall eine stärkere Mitverantwortung der Bürger für ihren Staat und gleichzeitig einen größeren Wettbewerb der Regionen oder Bundesländer innerhalb der EU.

Silesia: Sehen sie nicht hier eine Gefahr für die Einheit der einzelnen Mitgliedstaaten oder die EU?
Starosta: Ganz und gar nicht, Regionen können grenzübergreifend Verbindungen in Europa schaffen, insbesondere dort, wo es Mehrsprachlichkeit und Minderheiten gibt.
Die Zukunft Europas liegt in seiner regionalen Vielfalt und in der Stärke der eigenen Identität der Regionen und ihrer Bewohner wie z.B. Bayern, Franken, Oberschlesien, Sachsen, Bretonen, Basken, Elsässer usw.
Man sollte von den Regionen und den dortigen Menschen lernen, die Regionalismus pflegen und vorleben. Das Ziel heißt, von den Besten zu lernen ohne seine Bürger außen vor zu lassen. Das heißt auch, dass sich der Staat und seine Regionen in einer solidarischen Partnerschaft befinden.

Silesia: Sie sprechen die ganze Zeit von Bezirken oder „Verwaltungsbezirken“ in der Republik Polen, was meinen Sie damit?
Starosta: Eine Woiwodschaft ist ein polnischer Verwaltungsbezirk.
Da Polen ein Zentralstaat ist, weisen die Woiwodschaften im Gegensatz zu den deutschen Bundesländern keine Staatsqualität auf. Die Woiwodschaften Polens sind eher mit den Regierungsbezirken Bayerns oder einem französischen Gouvernement (Ein Gouvernement ist ein Gebiet, das von einem Gouverneur als oberstem Beamten verwaltet wird) vergleichbar.

Silesia: Welche Vorteile hätte eine Autonomie Oberschlesiens?
Starosta: Für die Verwaltungsbezirke in Schlesien und deren Menschen wäre das Modell der Autonomie unter Einbeziehung der beiden oberschlesischen Woiwodschaften mit eigener deutscher oberschlesischer Identität günstiger. Schon das historisch autonome Ost-Oberschlesien war die höchstentwickelte und reichste Woiwodschaft der Zweiten Republik Polens.

Silesia: Wie sehen Sie die Zukunft Oberschlesiens?
Starosta: Die Aufhebung der widernatürlichen Grenze und die Zusammenfassung der beiden Bezirke Oppeln und Schlesien zu Górny Śląsk (Oberschlesien) würden die eigentliche Identität und Bedeutung der gesamten Region stärken und den Menschen wieder ihre Heimat zurück geben. Man sollte den politischen Willen besitzen, Oppeln als historische Hauptstadt zur heutigen Hauptstadt Oberschlesiens auszurufen. Somit würde Oppeln seine Bedeutung wieder zurückbekommen und die Oppelner Region wirtschaftlich gestärkt.
Der historische Sitz des Parlaments in Kattowitz sollte auch der zukünftige Parlamentssitz sein.

Silesia: Sie sprechen von Oberschlesien. Durch Flucht, Vertreibung und spätere Aussiedlung gibt es doch wesentlich weniger Deutsche in Schlesien als vor Ende des Zweiten Weltkrieges.
Starosta: Gleich nach dem Krieg gab es große Vertreibungs- und Fluchtwellen. Danach folgten mehrere Ausreisewellen der Spätaussiedler von den 1950er bis zu den 1980er Jahren. Es lässt sich durch eine besondere Heimatverbundenheit erklären, dass wir Schlesier die Heimat im Herzen tragen und genauso aktiv gestallten wollen.

Silesia: Wie sehen Sie die Lage in Niederschlesien?
Starosta: Für die Nachbar- und Schwesterregion empfinde ich ähnlich wie für Oberschlesien, obwohl hier heute wesentlich weniger Deutsche leben.
Ich will zwei Beispiele bringen: In der Nachbarregion von Südtirol gab es mehrere Gemeinden, die in einem Referendum für Südtirol abgestimmt haben. Man hat erkannt, zu einer der boomenden Regionen Norditaliens gehören zu wollen.
Zum anderen gab es im Jahre 2006 in Katalonien eine Abstimmung. Von nun an darf sich Katalonien offiziell als Kulturnation bezeichnen, ohne dass der Staat Spanien seine Einheit verliert. Entscheidend ist aber, dass diese Abstimmung einen Strahlcharakter ausgelöst hatte, d.h. die Regionen Valencia und die Balearen, obwohl sie nicht zum Kernland von Katalonien gehören, seitdem Autonomie genießen.

Silesia: Soll die Autonomie ohne Einbeziehung der polnischen Bevölkerung erfolgen?
Starosta: Oh nein, ganz und gar nicht. Die polnische Bevölkerung genauso wie die deutsche Minderheit sollte sich gegenseitig in die Pflicht nehmen, eine prosperierende Region zu schaffen. Die Entwicklung der Region sollte jeden etwas im wirtschaftlichen, kulturellen und- sozialen Sinn angehen. Hierzu gehört natürlich auch die Mehrsprachlichkeit der Region, d.h. die Einführung deutscher Kindergärten und Schulen, die selbstverständlich auch polnischen Nachbarn und ihren Kindern offen stehen sollte.

Silesia: Wie stehen Sie zur deutschen Minderheit?
Starosta: Natürlich positiv. Würde ich noch in Polen leben, so würde ich mich zur deutschen Volksgruppe zählen und deren Organisation, d.h. einem Ortsverband des Deutschen Freundschaftskreises (DFK) und der übergeordneten sozial-kulturellen Gesellschaft angehören.
Ich denke aber auch, dass sich eine mögliche Autonomie mit der deutschen Minderheit vereinbaren lässt und kein Gegenentwurf, sondern eher eine Ergänzung und Bereichung ist. Die deutsche Minderheit könnte für die Region eine wertvolle Bereicherung mit der deutschen Sprache, ihrer Kultur und ihrem sozialen Leben darstellen, die in der Region bereits seit Jahrhunderten beheimatet waren und bis heute sind, und die Volksgruppen- und Minderheitsrechte der Deutschen würden gestärkt.
Bestes Beispiel für ein friedliches und gutes Zusammenleben in einem EU-Mitgliedstaat soll hier die deutschsprachige Gemeinschaft in Belgien sein.

Silesia: Sie haben im September 2008 Ihren Verein registrieren lassen.
Dabei gab es einige Schwierigkeiten.

Starosta: Richtig. Der Antrag auf Gemeinnützigkeit wurde vom Berliner Finanzamt abgelehnt. Die Begründung zeugte nicht gerade von Geschichtsverständnis und auf ein Gespräch der Klärung war man nicht bemüht. So war von „Ober- und Unterschlesien“ die Rede. Für das Finanzamt stellten allein schon der Vereinsname und die Satzung falsche Assoziierungen dar. Die geschichtliche Tatsache eines autonomen Schlesiens (in den Jahren von 1922 bis 1939) und der jetzigen Autonomiebewegung wollte man gar nicht zu Kenntnis nehmen. Mündlich hat man mir Vergleiche mit dem Baskenland sowie mit dem Kosovo unterstellt und Separatismus vorgeworfen.
Im bayrischen Würzburg hab ich mit dem gleichen Vereinsnamen und der gleichen Satzung beim Amtsgericht vorgesprochen und es gab keine Probleme, den Verein anzumelden.

Silesia: Wie war es möglich, den Verein in Würzburg zu registrieren und in Berlin nicht?
Starosta: Das hängt mit dem Staatsgefüge zusammen. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein föderaler Staat, d.h. die Rechtsordnung und die Registrierung von Vereinen und Stiftungen bei den Amtsgerichten unterliegen der Länderhoheit. Was in Bayern möglich ist, muss noch lange nicht für Berlin gelten oder umgekehrt. (Gerichte bzw. Richter sind generell unabhängig).

Silesia: Welches Ziel verfolgen Sie?
Starosta: Aufklären und für Verständnis werben. Politische Vorgänge aufzuzeigen, für gute und bessere Verständigung zwischen einerseits den Deutschen, Tschechen und Polen zum anderen zwischen deutschen, polnischen, und tschechischen Schlesiern sorgen.
Aber genauso die geschichtlichen Hintergründe erklären und andere europäische Autonome Regionen vorstellen.

Silesia: Ist es denn notwendig, das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen zu verbessern?
Starosta: Ich denke schon. Allein die Reaktionen der polnischen Presse auf die Existenz dieses Vereins beweist das. Die Überschrift der Zeitung „Polska The Times“, „Deutscher Schlesier will die Grenzen Polens ändern“ machte es deutlich. Es werden anscheinend leicht die Begriffe wie Autonomie, Separatismus oder Revanchismus verwechselt. Hätte ich so etwas vor, wäre nirgends in der Bundesrepublik Deutschland ein solcher Verein registriert worden. Ich glaube, dass sich auch niemand die Mühe gemacht hat, überhaut die Satzung zu lesen.
Eine jüngst schon beinahe hysterische Aufregung um Erika Steinbach und das Zentrum gegen Vertreibungen bzw. die Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung und Versöhnung“ zeigt ähnliche Verhaltensmuster der Medien und der breiten Öffentlichkeit, die zumeist nicht über die Inhalte informiert ist.
Ich möchte an die deutsch-französische Freundschaft erinnern, die seit den 1950er Jahren schon fast legendär ist, obwohl es im 19.und 20. Jahrhundert kriegerischen Auseinandersetzungen und eine sogenannte „Erbfeindschaft“ gab.

Silesia: Könnten Sie das Medieninteresse an Ihrem Verein beschreiben?
Starosta: Ich bekam eine ganze Reihe von Anrufen und gab meistens telefonisch Interviews. Telefonisch wie auch persönlich gab ich der Tageszeitung Rzeczpospolita, dem Berliner Radiosender Multi-Kulti, TV Opole, Polskie Radio 1, der Oppelner Zeitung NTO, sowie TV Silesia jeweils ein Interview. Auch andere Medien und öffentliche Personen haben sich in Polen zu Wort gemeldet. In Deutschland tendierte das mediale und öffentliche Interesse gegen null.
Ich hatte das Gefühl gehabt, man wollte geradezu von mir hören, dass ich die Grenzen ändern wolle um so einen Eklat heraufbeschwören zu können.

Silesia: Was brachte Sie dazu, einen solchen Verein ins Leben zu rufen?
Starosta: Ich sah vor ca. zwei Jahren in dem TV Magazin „Kowalski trifft Schmitt“ im RBB Fernsehen einen Beitrag über die Schlesische Autonomiebewegung. Zu sehen war der stellvertretende Vorsitzende Pejter Długosz, der die Autonomiebewegung vorstellte.
Zunächst habe ich selbst darüber recherchieren müssen, weil ich von so etwas noch nie gehört hatte. Danach habe ich diese Information mit anderen autonomen Regionen wie Südtirol oder Katalonien assoziiert und festgestellt, dass meine Heimat ebenso ein besonderer Bestandteil der Republik Polen sein könnte. Das war für mich entscheidend, um aktiv zu werden.

Silesia: Ganz Europa wächst zusammen, und Sie wollen ausgerechnet eine Autonomie Schlesiens, halten Sie diese Idee nicht für rückwärtsgewandt?
Starosta: Ich bin voller Überzeugung Europäer. Die Idee eines gemeinsamen Europas finde ich großartig. Europa ist ja nicht nur eine Wirtschafts-, sondern auch eine Kultur- und christliche Wertegemeinschaft. Ich komme aber doch nicht als Europäer oder Weltbürger auf die Welt, sondern als Franke, als Wiener, als Kärntner, als Berliner oder eben auch als Schlesier.
Die Identität ist doch das, was mich prägt. Entscheidend ist eine Vielfalt und keine Gleichmachung.

Ich danke Ihnen.

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