↑ Zurück zu Schlesische Identität

Seite drucken

Rudolf Steiner: Aufruf zur Rettung Oberschlesiens

Oberschlesien-Aktion: Für den Bund für Dreigliederung entwarf Rudolf Steiner einen „Aufruf zur Rettung Oberschlesiens“ und hielt am 1.und 2.Januar 1921 einen Rednerkurs für die schlesische Dreigliederung.
In einer Volksabstimmung am 20. März 1921 sollte entschieden werden, ob Oberschlesien beim Deutschen Reich bleiben oder zu Polen kommen sollte. Im Aufruf riet Steiner den Einwohnern Oberschlesiens von einem Anschluß an einen der beiden Staaten ab. Stattdessen sollten die Wirtschaft und Kultur in Oberschlesien sich selbst verwalten und „ein Zusammenstimmen der beiden durch einen provisorischen, nur über sein Gebiet sich erstreckenden rechtlich-polizeilichen Organismus“ geschaffen werden.

Die Abstimmung fand am 20. März 1921 statt, worauf die Aktion, wie sich zeigte, wenig Einfluß hatte. Die Mehrheit war für einen Verbleib beim Deutschen Reich. Die Alliierten setzten sich aber darüber hinweg und teilten das Gebiet, wobei Polen wertvolle Industriegebiete erhielt.

Aufruf zur Rettung Oberschlesiens
Von Rudolf Steiner

 

Oberschlesier!

Soll in Oberschlesien zur Qual seiner Bevölkerung, zum Schaden der Wirtschaft, zur Vernichtung aller kulturellen Güter, der Unfrieden, der versteckte und offene innere Kampf Dauerzustand werden? Darf Oberschlesien der Herd ständiger Bedrohung des Friedens für Europa bleiben?

Nein! Wie aber ist dies zu verhindern?

Die oberschlesische Frage ist eine europäische Frage. Auf das wirtschaftliche Gedeihen der Industrie, insbesondere auf die Kohlenschätze Oberschlesiens richtet ganz Europa seine besorgten Gedanken und Wünsche. Für den europäischen Wirtschaftskreislauf ist Oberschlesien von entscheidender Bedeutung. Die geistig-kulturellen Probleme und Aufgaben dieses Gebietes, als einer Mitte zwischen Ost- und Mitteleuropa, liegen schwer in der Waagschale. Die Geistigkeit der oberschlesischen Völker kann nur dann in der rechten Weise sich auswirken, wenn hier eine wirkliche Lösung der Nationalitätenfrage gefunden wird. Damit wäre auch Entscheidendes gewonnen für die Heraufführung eines neuen Zeitalters der Völkerbeziehungen überhaupt.

Auch eine Gesundung der politisch-staatlichen Verhältnisse ist im europäischen Interesse ein unbedingtes Erfordernis, soll nicht Oberschlesien ein politischer Unruheherd werden, der den europäischen Frieden dauernd in Frage stellt.

So ist das Problem der Gestaltung Oberschlesiens eine Frage der wirtschaftlichen, rechtlich-politischen und kulturell-geistigen Gesundung ganz Europas. Versailles, St. Germain und Spa brachten nichts weniger als eine Lösung der europäischen Probleme und sozialen Fragen. Da aber die oberschlesische Frage nur aus dem ganzen großen Zusammenhang einer wahrhaft zeitgemäßen Neugestaltung der europäischen Verhältnisse gelöst werden kann, wird keine gegenwärtige Lösung dieser Fragen, die auf dem Boden der Wirklichkeit steht, etwas anderes sein können, als ein vorübergehender Zustand. Man maß daher bewußt einen solchen Übergangszustand in Oberschlesien schaffen. Weder die berühmten weltfremden 14 Punkte Wilsons, deren Anwendung auf das wirkliche Leben besonders im Osten eine Unmöglichkeit bedeutet, noch die Gewaltmethoden einer abgelaufenen Epoche können zu einem Neuaufbau des europäischen Lebens führen. Zu diesem Neuaufbau kann man nur kommen, wenn man sich klar darüber ist, daß es sich im Grunde um drei verschiedene Gebiete handelt:

Das Wirtschaftsleben,
das rechtlich-politische Leben,
das geistig-kulturelle Leben.

In dem bisherigen Staate waren diese drei Gebiete verquickt, und aus diesem Durcheinander sind letzten Endes die chaotischen Zustände der Gegenwart hervorgegangen. Die einzige wirklichkeitsgemäße Gestaltung des sozialen Lebens kann daher nur in einer Verselbständigung dieser drei Gebiete bestehen. Den Weg dazu weist die Dreigliederung des sozialen Organismus.

Sie verlangt, daß der Staat auf der einen Seite die Wirtschaft, auf der andern Seite das Geistesleben aus seinem Machtbereich entlasse.

In das Wirtschaftsleben gehört dann nur noch Warenerzeugung, Warenverteilung und Warenverbrauch, die auf « assoziativer Grundlage » von Sachverständigen zu verwalten sind. Ungehindert von staatlichen und politischen Machtverhältnissen werden die Produzenten und Konsumenten der verschiedenen Länder in gemeinsamer Arbeit die Befriedigung aller Bedürfnisse regeln.

Das geistige Glied im dreigliedrigen sozialen Organismus umfaßt Wissenschaft, Kunst, Religion, das gesamte Erziehungswesen und die richterliche Rechtsprechung. Alle diese geistig-kulturellen Faktoren können nur in vollkommener Freiheit von staatlichen Eingriffen ihre Aufgabe erfüllen und in rechter Weise das soziale Leben befruchten. Das Geistesleben, die Kultur, muß aus dem freien Zusammenwirken aller geistig-schöpferischen Einzelpersönlichkeiten sich herausgestalten und sich selbst eigene Verwaltungskörper geben.

Dem mittleren Glied, dem rechtlich-politischen Teil des sozialen Organismus, verbleibt dann in erster Linie die Polizei- und Verwaltungstätigkeit auf rechtlicher Grundlage; es wird geregelt durch ein in demokratischer Weise gewähltes Parlament. Da dieses Parlament sich nur mit rein staatlich-politischen Fragen befaßt, kann es weder das Wirtschafts- noch das Geistesleben stören.

(Alles Nähere über die Dreigliederung des sozialen Organismus ist zu ersehen aus dem Buch „Die Kernpunkte der sozialen Frage“ von Dr. Rud. Steiner, Der Kommende Tag AG Verlag, Stuttgart, Champignystraße 17, sowie aus der im gleichen Verlag erscheinenden Wochenzeitung „Dreigliederung des sozialen Organismus“ und der übrigen einschlägigen Literatur.)

Nur durch eine solche Gliederung der sozialen Organismen in Europa würde der wirtschaftliche Kreislauf sich unabhängig von politischen Staatsgrenzen, über diese hinweg, nach seiner eigenen Gesetzmäßigkeit sich abspielen können. – Ebenso ist der geistige Austausch zwischen Volksteilen, die durch politische Grenzen getrennt sind, über diese Grenzen hinweg in freier, von staatlicher Machtpolitik ungehemmter Weise möglich.

Bevor nicht in ganz Europa eine solche gesunde Dreigliederung des sozialen Organismus in den verschiedenen Staatsgebieten durchgeführt ist, kann auch die oberschlesische Frage nicht wirklichkeitsgemäß einer endgültigen Lösung zugeführt werden.

Gerade in Oberschlesien schreien die Verhältnisse ganz besonders nach einer solchen Dreigliederung.

Hier kämpfen zwei Kulturen, zwei Volksindividualitäten, die einander durchdringen, um die Möglichkeit, sich auszuleben. Schulwesen und richterliche Rechtsprechung sind die wichtigsten Punkte, die zu Reibungen Anlaß geben. Nur durch die Befreiung des Geisteslebens können gerade in Oberschlesien diese brennenden Fragen gelöst werden. Nebeneinander werden sich dann die zwei Kulturen, die deutsche und die polnische, entsprechend ihren Lebenskräften entwickeln können, ohne daß die eine eine Vergewaltigung durch die andere zu befürchten hat, und ohne daß der politische Staat für die eine oder andere Partei ergreift. Nicht nur eigene Bildungsanstalten, sondern eigene Verwaltungskörperschaften für das Kulturleben wird jede Nationalität errichten, so daß Reibungen ausgeschlossen sind. Und würde auch der Wirtschaftskreislauf in Oberschlesien vom Staatlich-Politischen losgelöst, so ließen sich die oberschlesischen Wirtschaftsfragen in die europäische Gesamtwirtschaft eingliedern und nur durch Abkommen zwischen den Wirtschaftsleuten der beteiligten Länder lösen.

Innerhalb der Gegenwart ist daher das Folgende das einzig Wirklichkeitsgemäße, Lebensmögliche:

Das oberschlesische Gebiet lehnt die Angliederung an einen angrenzenden Staat vorläufig ab, bis dort selbst ein Verständnis für die Dreigliederung erweckt ist. Es konstituiert sich so, daß seine Wirtschaftsfaktoren sich selbst verwalten – ebenso seine geistigen Faktoren. Es schafft ein Zusammenstimmen der beiden durch einen provisorischen, nur über sein Gebiet sich erstreckenden rechtlich-polizeilichen Organismus und bleibt in diesem Zustand bis zur Klärung der gesamten europäischen Verhältnisse.

Trotzdem dieser Zustand ein vorläufiger ist, erscheint er, wenn er durchgeführt wird, als ein Musterbeispiel für die Maßnahmen, die ganz Europa treffen muß zur Gesundung seiner Verhältnisse.

Nur Kurzsichtigkeit kann diesen Aufruf als nicht im deutschen Geiste gelegen auffassen. Wahrhaft deutsche Gesinnung hat immer so gedacht.

Also, Einwohner Oberschlesiens, fasset alle Zweige Eures Wirtschaftslebens in freien, vom Staate unabhängigen Assoziationen zusammen! Erklärt Euer Erziehungs- und Unterrichtswesen vom Staate unabhängig und stellt es unter seine eigene Verwaltung! Richtet ein polizeilich-administrativ-parlamentarisches Staatsleben provisorisch ein, bis die europäischen Verhältnisse eine gesündere Grundlage annehmen!

Helfen wird Euch nur, was Ihr von diesen Forderungen bei der Entente-Kommission durchsetzen könnt. Alles andere ist für Euch wertlos.

Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus Ortsgruppe Breslau. Redner über Dreigliederung und Oberschlesien bei der Ortsgruppe Breslau des Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus, Breslau, Kaiser-Wilhelm-Straße 16, 2 Treppen, anfordern.

Rudolf Steiner

Weitere Informationen zu Rudolf Steiner und seinem Ansatz zur „sozialen Dreigliedeung“:

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://www.kulturelle-autonomie.org/schlesische-identitaet/rudolf-steiner-aufruf-zur-rettung-oberschlesiens/