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Identität aus der Sicht von Renata Schumann

Schlesische Identität, ein Aufsatz von Dr. Renata Schumann.

Die Schriftstellerin und Publizistin wuchs in Oberschlesien auf und siedelte 1983 in die Bundesrepublik aus.

http://www.renata-schumann.de/

 

Renata Schumann
Schlesier, auf der Suche nach ihrer verlorenen Identität

Seit der Wende versuchen auch die Oberschlesier eines ethnischen bzw. nationalen schlesischen Bekenntnisses, für die der Begriff Schlonsaken (Slazacy) gebräuchlich wurde, sich zu organisieren.

Eine Gruppe, zu der sich in der Volkszählung vom Jahr 2002 eine stattliche Anzahl von 173.000 Stimmberechtigten bekannt hatte. Also mehr als zur deutschen Minderheit.
Nachdem die totalitären Verbote gefallen waren, begann man öffentlich Stellung zur Verwahrlosung und Verwüstung des Landes zu nehmen. Die Einheimischen, die sich noch immer ihrer Heimat verbunden fühlten und nicht ausreisen wollten, beklagten den bisherigen Egoismus des zentralistisch ausgerichteten polnischen Staates, der die ökonomischen Verwüstungen der gesamten Industrielandschaft, die gigantische und weltweit einmalige ökologische Katastrophe zu verantworten hatte. Oberschlesien sah sich am Rande der Bewohnbarkeit.

Die Oberschlesier selbst besannen sich auf Autonomieversprechungen des polnischen Staates in den zwanziger Jahren, aus der Zeit als der Kernteil der oberschlesischen Industrieregion aufgrund des Versailler Vertrags unter polnische Oberherrschaft gestellt wurde, Rechte, ausgehandelt noch von ihrem Tribun Wojciech Korfanty. Man war bestrebt, die Verantwortung für das Land zu übernehmen. Eine oberschlesische Identität wurde postuliert. Doch die war schwer definierbar.

Jetzt wirkten sich die durch das totalitäre kommunistische Regime verordneten Geschichts- Fälschungen aus. Unkenntnis der eigenen Geschichte kam zum Vorschein. Die Oberschlesier, die sogenannten Schlonsaken, wissen nicht recht, wer sie eigentlich seien. Oft reden auch sich großer Beliebtheit erfreuende Wortführer an der Wahrheit vorbei. Nicht aus Absicht, sondern weil sich alle erst allmählich aus dem Dunst der Propagandalügen herausarbeiten müssen.

Dennoch oder eben deshalb wandten sich die Schlesier an die Warschauer Regierung, um die Zulassung einer oberschlesischen Nationalität zu bewirken. Man propagiert eine nationale Minderheit innerhalb Polens zu sein. Das Gesuch wurde abgelehnt. Am 17.May 2001 scheiterten die Slazacy auch mit ihrer Klage vor der Großen Kammer des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte in Straßburg. Dazwischen lag eine allgemeine Volksabstimmung in Polen, die den Schlesiern eine große Stimmenzahl einbrachte.

Wie auch immer das Nein für die Schlonsaken begründet sei. Ob man sie als Nation sehen soll ist fraglich. Sie sind eine tragische ethnische Mischgruppe, der ein widriges Zeitgeschehen ihr Identitätsbewusstsein zerstört hat, eine Gruppe beschädigt in ihrer Selbstwahrnehmung. Insofern sind sie mit Sicherheit eine Herausforderung für ein Europäisches Forum.
Doch zunächst müsste diese ethnische Gruppe mit sich selbst klar kommen und sich um den Wiedergewinn ihrer Identität bemühen, das heißt vor allem um den Rückgewinn eines adäquaten Geschichtsbewusstseins.

Wer also sind die Slazacy?  Die einheimischen Oberschlesier, die nach 1945 aus verschiedenen Gründen in der Heimat geblieben sind, etwa 50% Prozent der vorherigen Bevölkerung, die als Deutsche vertrieben und ausgesiedelt wurde, bekennen sich heute zum Teil als deutsche Minderheit, während der andere Teil nach einer eigenen oberschlesischen Identität sucht. Das Zusammengehörigkeitsbewusstsein dieser in Wirklichkeit zusammengehörenden Gruppe ist schwach und voller Widersprüche.

Diese Situation ist durch die nationalen Ideologisierungen des 19. und durch den Terror beider Totalitarismen des 20.Jh. verursacht worden. Besonders während des sowjetischen Totalitarismus wurde fast ein halbes Jahrhundert Geschichte nur gefälscht dargestellt, vor allem die 700jährige Anwesenheit und Aufbauarbeit der Deutschen im Lande verleugnet.
Inzwischen sickern auch in Oberschlesien allmählich die historischen Fakten durch. Man fängt an, sich mit der Besiedlung des Landes durch Deutsche zu befassen, darüber nachzudenken, dass die Schlesier zwar slawische  Wurzeln haben, aber keine Polen sind. Schrittweise wird bekannt, dass die polnischen Aufstände während der Plebiszitzeit nach dem Ersten Weltkrieg von Polen aus initiiert und organisiert worden waren.

Doch für die Existenz und Anerkennung einer ethnischen Gruppe als Nationalität wären vor allem die Sprache sowie literarische Zeugnisse von Bedeutung. Diese sind aber bei den Slazacy nur in Ansätzen vorhanden. Die Chance, eine eigene Sprache zu erwerben, haben die einheimischen Oberschlesier viel früher verpasst, im 18. und insbesondere im 19.Jh., als auch kleine ethnische Gruppen sich auf ihre Volkssprache besannen und bestrebt waren, sie zu kodifizieren und literaturfähig zu gestalteten.

Den Oberschlesiern wurde stattdessen vom preußischen Staat die polnische Sprache verordnet. Diese Entwicklung begann mit der zweiten großen Besiedlungswelle des Landes durch Friedrich den Großen, der bekanntlich bestrebt, war die Bevölkerung im Geiste der Aufklärung Bildung beizubringen. Schulen wurden in dem Land gegründet, wo eine vorwiegend ihren slawischen Dialekt sprechende Bevölkerung ihr karges aber geruhsames Dasein fristete. Deutsche Siedler kamen dazu. Da es an Lehrern fehlte, setzte der Alte Fritz- ein genialer Ressourcenverwerter – ausgediente Feldwebel in den Schuldienst ein. Unterrichtssprache war das Deutsche. Das ging dort einigermaßen gut, wo eine vorwiegend deutschsprachige Bevölkerung lebte, nicht aber in den vorwiegend slawischen Dörfern. So wurde die Bildungspolitik in Oberschlesien zum Problem in Berlin.
In Berichten wurde festgestellt, dass es in diesem Lande kaum Schulen gebe. Im Jahre 1787 gab der deutsche Pfarrer Johann Samuel Richter ein Memorial heraus, in dem er forderte, den Schulunterricht in Oberschlesien in der Sprache der Einheimischen durchzuführen. Richter konnte sich nicht durchsetzen. Bereits im Jahr 1802 entstand in Oppeln ein Lehrerseminar, in dem Lehrer und Priester neben Deutsch auch in Polnisch unterrichtet wurden.

Im Jahr 1819 polemisierte der Schulrat Benda erneut gegen die Benutzung des oberschlesischen Dialekts, der keine literarische Sprache sei. Er schrieb „(…) auch die eigentliche polnische Sprache spricht es (das hiesige Volk) nicht, sondern ein böhmisch-mährisch-polnisch-deutsches Gemisch, das in keiner Schriftsprache vorhanden. Dieses wahre Unglück kann meiner Einsicht nach nur dadurch behoben werden, wenn diese Sprache durch deutschen Unterricht so schnell als möglich vertilgt wird.“

 

Inzwischen gab die preußische Regierung (1822) einen Erlass für das Posener Gebiet heraus,  das nach den Teilungen Polens von Preußen annektiert worden war. Die polnische Sprache sollte dort nach dem Wunsch der Bevölkerung in den Schulen eingesetzt werden und mit der deutschen gleichberechtigt sein. In diesem Gebiet lebte ebenfalls eine Mischbevölkerung, allerdings waren es Polen und Deutsche, die Deutschen in der Minderheit. Die ethnischen Verhältnisse waren also fast ähnlich, doch im Posener Land lebten patriotisch gesonnene Polen, während die Oberschlesier eine national indifferente Gruppe waren. Dennoch setzte man in Berlin Oberschlesien und das Posener Land gleich. Mit preußischem Elan begann man die polnische Sprache auch in die Schulen in Oberschlesien einzuführen. Das benachteiligte naturgemäß die deutschen Kinder und weckte wiederum Proteste.

Ein besonderes Verdienst bei der Einführung des Polnischen im Schulwesen Oberschlesiens erwarb sich Bischof Bernhard Bogedain, ein Schlesier aus Glogau, der bei seinen Verwandten in Posen aufgewachsen und dort mit dem Freiheitsbestreben der Polen in Berührung gekommen war.
Bischof Bogedain, der gemäß den damaligen Geflogenheiten für die Seelsorge wie auch für das Schulwesen zuständig war, verpflichtete alle Priester und Lehrer, sich die polnische Sprache anzueignen. Dazu stellte der Bischof Bogedain vor allem Lehrkräfte und Geistliche  aus dem Posener Gebiet ein. Zum Teil überzeugte polnische Patrioten. Die Weichen waren gestellt. Es ist überaus bezeichnend, daß polnischerseits bis heute dem für das Polentum in Oberschlesien so verdienstvollen deutschen Bischof keine Anerkennung und Dank erwiesen  wird. In Oppeln, wo Bernhard Bogedain wirkte, gibt es nicht einmal eine Straße seines Namens. Das Wissen um ihn gelangt nicht aus dem Kreis der Eingeweihten hinaus, denn seine Tätigkeit steht im Widerspruch zu den gängigen nationalpolnischen Legenden vom Ur-Polentum der Schlonsaken. Als dann Bismarck nach 1871 mit dem Kulturkampf das Polnische aus dem Schulwesen energisch zu verdrängen begann, kam es natürlich zu erbittertem Widerstand, zumal der Eiserne Kanzler nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch den Protestantismus favorisierte und somit den in Oberschlesien einflussreichen katholischen Klerus herausforderte.

Fortab wurde die Sprache, bislang ausschließlich als Bildungsvermittler betrachtet, in die politischen Auseindersetzungen zwischen Deutschen und Polen einbezogen. Für die Deutschen gab es nur noch Deutsche in Oberschlesien und folgerichtig nur die deutsche Sprache, für die Polen nur noch Polen, also das Polnische. Dass dabei eine spezifische Gemengelage nicht berücksichtigt wurde, schien wenig zu stören.
Die polnischen Aufstände in Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg waren das weitere und weitaus dramatischere Kapitel seiner Regionalgeschichte. Ähnlich folgenschwer erwies sich nur kurze Zeit später die Einführung der Volkslisten durch die Nazis aufgrund sprachlicher Kriterien. Die finale Tragödie aber erfolgte nach 1945, als der größte Teil der Bevölkerung vertrieben und später ausgesiedelt, der restliche aber rigoros polonisiert wurde.

Und so kam es, dass die Schlonsaken erst nach 1989 nach sich selbst zu fragen begannen.
Dennoch bleibt den heutigen Bewohnern Oberschlesiens, sowohl den Einheimischen wie auch den zugewanderten Polen nichts anderes übrig, als gemeinsam nach einer adäquaten modernen Identität zu suchen. Dies allerdings könnte eine einmalige europäische Chance für die vom Zeitgeschehen zerrüttete Region sein.

Zentralismus versus Regionalismus: Warschauer Regierungsbau und oberschlesische Industrielandschaft in Gleiwitz

 

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