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Ewa Palenga-Möllenbeck: „Doppelpass“ und „schwebendes Volkstum“ zwischen Deutschland und Polen

Unabhängig und frei von politischem deutsch-polnischen Handeln ist eine Publikation am Beispiel der Oberschlesier von Ewa Palenga-Möllenbeck der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften entstanden.

„Doppelpass“ und „schwebendes Volkstum“ zwischen Deutschland und Polen – pathologische Normabweichung oder zukunftsweisendes europäisches Identitätsmodell?

Von Ewa Palenga-Möllenbeck

Zusammenfassung / Abstract:

„In der Diskussion über die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts wurde hitzig um den „Doppelpass“ gestritten – allgemein wird er als Anomalie, wenn nicht gar als Pathologieverstanden: als Ausdruck eines „Identitätsdefekts“ und Hemmnis für die „Integration“, schließlich gar als Ursache von „Loyalitätskonflikten“. Dabei wird ausgeblendet, dass eine mindestens sechsstellige Zahl von Deutschen längst zwei Pässe besitzt – auch ohne Nachweis von „Integration“ oder auch nur deutsche Sprachkenntnisse.

Dabei handelt es sich insbesondere um polnische Oberschlesier, die die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen können, sofern sie diese von einem Vorfahren ableiten können. Die entsprechende Gruppe wird allgemein als „deutsche Minderheit“ bezeichnet; allerdings galt sie historisch aus Sicht des deutschen wie polnischen Nationalstaats als „ethnisch unrein“, da ihre Identitätsbildung nicht oder zumindest nicht primär entlang nationaler Kategorien erfolgte. Heute werden sie erneut zu einer Herausforderung für den Nationalstaat und zwingen zur Hinterfragung der Semantik von „Identität – Nationalität – Leitkultur – Integration“. In der Herausbildung eines transnationalen Migrationssystems spielen sie eine wichtige Rolle; aufgrund ihrer juristischen Position (die ihnen bereits seit Jahren den legalen EU-Arbeitsmarkt öffnet), sowie ihrer traditionell „hybriden“ Identität scheinen sie als Pioniere einer transnationalen Identitätsbildung geradezu prädestiniert zu sein.

An historischen Beispielen und Interviews mit Arbeitsmigranten lässt sich zeigen, dass das Konstrukt „Nationalität“ für die Betroffenen – trotz teilweise starker emotionaler Identifizierung mit einem (teilweise deutsch konnotierten) „Schlesiertum“ – häufig etwas sehr Abstraktes ist, mit dem sie rational-instrumentell umgehen. Es ist zu fragen, ob dieses „schwebende Volkstum“ tatsächlich nur eine durch ganz spezifische Umstände zustande gekommene Anomalie ist, oder ob es sich um ein Phänomen handelt, das viel ernster genommen werden muss, da es über eine künftige „Transnationalisierung“ ethnischer Verhältnisse im europäischen Kontext Aufschluss geben könnte.“

Quelle: Palenga-Möllenbeck, Ewa „“Doppelpass“ und „schwebendes Volkstum“ in Deutschland und Polen. pathologische Normabweichung oder zukunftsweisendes europäisches Identitätsmodell?.“ In Soziale Ungleichheit, kulturelle Unterschiede: Verhandlungen des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in München. Teilbd. 1 und 2, hrsg. v. Rehberg, Karl-Siegbert, 2093-2104. Frankfurt am Main: Campus Verlag GmbH, 2006

Weitere Informationen zum Werk sowie Download als pdf-Datei:

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