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Mai 29 2018

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Mit Kunst und Kultur gegen das Vergessen

Das deutsch-tschechische Kulturfestival „V Centru – Im Zentrum“ bringt neues Leben in Tschechisch-Schlesien – mit einem bunten Programm und viel Phantasie.

Im Zentrum/ V centru – eine deutsch-tschechische Initiative aus Kunst und Kultur.

Seit 2016 entwickelt sich die Region um Jesenik/ Freiwaldau (Tschechien) für einige Tage im Jahr zu einem Mekka namhafter Künstler aus Deutschland und Tschechien.

Kulturfans und jene, die es werden wollen, genießen ein vielseitiges Programm aus Vorträgen, Konzerten, Lesungen, Performance, Theater und Workshops.

Das Festival, das unter anderem vom deutsch-tschechischen Zukunftsfonds unterstützt wird, bringt Menschen aus zwei Ländern zusammen, ermöglicht – zum Teil auf einer ungewöhnlichen Weise – die Annäherung an die Geschichte, aber auch an die Schönheit dieser Landschaft und belebt das gesellschaftliche sowie das kulturelle Leben in dieser vergessenen Region am Rande Tschechiens.

Zum Beispiel – Künstler aus Tschechien und Deutschland!

Jaroslav Rudiš, Autor der Graphic Novel Alois Nebel und Preisträger der Leipziger Buchmesse 2018, hielt eine Lesung. DJ Kalle Laar ließ seltene tschechoslowakische Vinyl-Schallplatten aus dem Fundus seines Temporary Soundmuseums erklingen und erklärte ihre zeitgenössische Bedeutung.

Die Medienkünstlerin Manuela Hartel erweckte mit ihrer Video-Musik-Performance Rites de passage die zerstörte Kirche von Zalesi zum neuen Leben, musikalische Unterstützung erfuhr sie durch Jaroslav Kořán aus Prag. Und Isolde Ohlbaum fing mit ihrer Fotokamera den Zauber der Landschaft mit ihrer verfallenen Dörfern ein.

Das Beste an diesem Kulturfestival: Die tschechischen Bewohner der Region um Jesenik/ Freiwaldau wurden nicht einfach zu Statisten degradiert, sondern nahmen aktiv teil. So wurden Schüler animiert, ein Konzept zu entwerfen, wie sie den verfallenen Schloßpark in Vlčice/ Wildschütz gestalten wollen. Kinderstimmen der Kunstschule Jesenik belebten längst vergessene Märchen wie die Sage vom Sühnesee des örtlichen Pfarrers und Dorfchronisten Hieronymus Pavlik (1865-1938).

Wozu dieser künstlerischer Kraftakt in der Peripherie?

Die Antwort ist einfach: Um die Leere zu füllen, von der diese Mittelgebirgsregion wie eine Art Fluch heimgesucht wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben die tschechischen Behörden die deutsche Bevölkerung vertrieben. Zurückgeblieben sind vereinsamte Bauernhöfe und Dörfer, von denen einige heute vollständig verschwunden sind. Wald und Natur begruben im Laufe der Zeit die Zeugnisse jahrhundertelangen Schaffens und menschlichen Lebens. Auch die Familie von Dr. Serafine Lindemann, Organisatorin des Festivals, war von diesem schweren Schicksal betroffen.

Ihre Mitstreiterin, Dr. Zdeňka Morávková, lebt seit Jahren in dieser Region, die sie lieben kennen gelernt hatte, aber von ihrer Vergangenheit kaum etwas wusste. Die Deutschen wurden nicht nur aus der Heimat verbannt, sondern auch aus der Erinnerung. Mit der Vertreibung gingen Bräuche, Sagen, Fertigkeiten und Dialekte unter, die über Jahrhunderte die Sudeten prägten und ihr Bild bestimmten. Der Geist dieser Berglandschaft verschwand.

Das Kulturfestival gleicht einer Spurensuche durch Raum und Zeit – mit vielfältigen, kreativen Mitteln. Das Ziel der Reise ist bekannt. Der Bürgermeister der Gemeinde Vlčice/ Wildschütz, Josef Fojtek, erhofft sich Impulse für die Identität der Region, die so viele Jahrzehnte ohne Geschichte und eine Seele auskommen musste.

Ausführliche Informationen zum Festival im Internet unter: imzentrum.eu

Das tschechische Schlesien – Eine vergessene Region mitten in Europa?

Jesenik/ Freiwaldau liegt am Rande des Altvatergebirges, tschechisch Hrubý Jeseník (dt. Hohes Gesenke). Dieser Gebirgszug, der östliche Ausläufer der Sudeten, bildete jahrhundertelang die Grenze zwischen Schlesien und Mähren. Vlčice/ Wildschütz ist ein Dorf im Reichensteiner Gebirge (tschechisch Rychlebské hory). Auf dessen Bergkamm verläuft die heutige Grenze zwischen dem (polnischen) Glatzer Land und Tschechien. Jesenik und Vlčice gehören der Verwaltungseinheit Okres Jesenik an. Als in Böhmen die Habsburger herrschten (bis 1918), lagen diese Gemeinden in dem Verwaltungsbezirk Österreichisch-Schlesien.

Im Hochmittelalter besiedelten deutsche Siedler die Gebirgszüge der Sudeten. Der Impuls ging vom Herzog Heinrich dem Bärtigen aus, dem es an einer Modernisierung seiner schlesischen Territorien lag. Das Gebiet um Jesenik/ Freiwaldau wurde dem Fürstentum Neisse (heute Nyssa in Polen) zugeschlagen, das der Bischof von Breslau als weltlicher Fürst beherrschte. Im Mittelalter spielten Bergbau und Eisenverhüttung eine bedeutende wirtschaftliche Rolle.

Die Piasten-Herzöge in Schlesien – eine Landschaft, die durch zahlreiche Erbteilungen zersplittert und somit politisch geschwächt war – löste sich vom polnischen Königreich los und orientierte sich an den westlichen Nachbarn. Im Spätmittelalter werden die schlesischen Piasten Vasallen des böhmischen Königs, Schlesien wird ein Nebenland der böhmischen Krone.

Nach dem Sieg Friedrichs des Großen über das Habsburgerreich im Ersten Schlesischen Krieg (1742) wurde Schlesien geteilt. Angeblich soll Maria Theresia beklagt haben, der Preußenkönig hätte ihr den Garten Schlesien genommen und ihr nur den Zaun gelassen. Der Zaun war der kleinere Teil Schlesiens (Jauernig, Freiwaldau, Troppau und Teschen), der bei Habsburgern verblieb und für den sich der Name Österreichisch-Schlesien (neben Niederschlesien und Oberschlesien) einprägte. Heute wird diese historische Landschaft Mährisch-Schlesien oder Tschechisch-Schlesien genannt.

Jauernig/ Javornik, das nur wenige Kilometer von Vlčice/ Wildschütz liegt, wurde dank der Förderung der Breslauer Fürstbischöfe – diese hatten hier ihre Sommerresidenz Schloss Johannisberg – zu einem Zentrum der Kultur und Kunst. Im 18. Jahrhundert gastierte der Komponist Carl Ditters von Dittersdorf im Schloss, im 19. Jahrhundert war Joseph von Eichendorff zu Gast.

Das 20. Jahrhundert schlug auch in den Sudeten eine blutige Schneise. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Karten Osteuropas neu gezeichnet. Die deutsche Bevölkerung gehörte nicht mehr dem Habsburgerreich an, sondern lebte ab sofort in der neu entstandenen Tschechoslowakei. Der überhitzte Nationalismus beider Volksgruppen, Deutschen und Tschechen, erschwerte das Zusammenleben.

1938 fiel der Fokus der Weltpolitik auf das Sudetenland. Unter diesem Namen wurden die Regionen in der Tschechoslowakei vereinigt, die mehrheitlich von Deutschen bewohnt wurden. Das Münchner Abkommen rechtfertige die Annexion deutschsprachiger Gebiete durch das nationalsozialistische Deutschland. Das Sudetenland und somit auch Wildschütz, Freiwaldau und Jauernig “kehrten Heim ins Reich” wie es im Jargon der Nazi-Propaganda hieß. Gegner des nationalsozialistisches Regimes und Tschechen wurden verfolgt, inhaftiert oder ermordet.

Sieben Jahre später – mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Untergang der Nazi-Herrschaft – fiel das Sudetenland zurück an die Tschechoslowakei. Die neuen Machthaber lehnten ein Zusammenleben von Deutschen und Tschechen in einem gemeinsamen Staat ab und begannen mit der Vertreibung der deutschen Bevölkerung (tschechisch odsun).

Die Region um Jauernig – nun Grenzgebiet zwischen ČSSR und VR Polen – verödete. Nur wenige Menschen siedelten sich in dieser einsamen Gegend an, die von drei Seiten vom polnischen Territorium umschlossen ist.

Die isolierte Lage nutzten die kommunistischen Machthaber seit dem Jahr 1950, um Nonnen aus den aufgelösten Klöstern Tschechiens nach Bílá Voda/ Weißwasser zu deportieren. Heute erinnert ein kleines Museum an dieses grausame Frauenschicksal, und auch das deutsch-tschechische Kulturfestival greift dieses vergessene Thema auf. Die tiefen Wunden zu schließen, die das kurze, aber grausame 20. Jahrhundert geschlagen hatte, ist eines der prägendsten Ziele des Kulturfestivals „V Centru – Im Zentrum“.

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