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Korfanty – der Politiker

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3.2. Korfanty – der Politiker

3.2.1. Einstieg in die Politik

Im Jahre 1901 wurde er Mitglied der Nationalen Liga. Er attackierte die Zentrumspartei und die Zeitung „Katolik“ von Adam Napieralski. Diese Zeitung warb für die Zusammenarbeit der polnischsprechenden Katholiken mit der Zentrumspartei. Korfanty publizierte zwei Propagandaschriften „Precz z Centrum“ („Weg mit dem Zentrum!“) und „Uwaga! Chleb drożeje!” („Achtung! Das Brot wird teuer!“). Er schrieb, daß die Zentrumspartei eigentlich eine antipolnische Politik führe. Er schilderte auch die schwere soziale Lage des schlesischen Volkes. Diese Schriften machten Korfanty in Oberschlesien bekannt.66

Im gleichem Jahr, 1901, wird Korfanty zum Chefredakteur der Zeitung „Praca“. Dort publiziert er das Pamphlet „Do Niemców” („An die Deutschen“). Er schreibt, daß die Polen die Deutschen hassen, weil sie ständig von den Deutschen unterdrückt und ausgenutzt wären: die polnische Sprache wurde aus den Ämtern und Schulen vertrieben, die Beamten beleidigen die polnischsprechende Bevölkerung.67 Korfanty unterstrich jedoch mehrmals, daß der Haß der Polen sich nur gegen diese Deutschen wendet, welche die polnische Bevölkerung zu germanisieren versuchen.68

Wegen der Veröffentlichung von zwei Artikeln, „Do Niemców” und „Do moich braci Górnoślązaków” („An meine oberschlesischen Brüder“), wurde gegen Korfanty ein gerichtliches Verfahren eingeleitet. Man warf ihm öffentlichen Aufruf zu Gewalttätigkeiten und Beleidigung vor. Korfanty wurde zu einer viermonatigen Haftstrafe verurteilt, die er in Wronki verbüßte. Durch diese Verhaftung wurde Korfanty sehr populär, vor allem in Oberschlesien. Seine Bekanntheit und Beliebtheit wurde zu Propagandazwecken benutzt. In der Zeitung „Górnoślązak” („Der Oberschlesier“), deren Redakteur er war, veröffentlichte man Artikel, in denen suggeriert wurde, daß Korfanty nur deshalb verhaftet wurde, weil er das oberschlesische Volk und Polen liebte. Dadurch stieg die Zahl seiner Anhänger enorm.69

Nach der Freilassung von Korfanty kam es zu dem Versuch einer Zusammen-arbeit von „Górnoślązak” und „Katolik”. Die Unstimmigkeiten zwischen Korfanty und Napieralski waren jedoch zu groß. Napieralski vertraute weiterhin der Zentrumspartei und der oberschlesischen Priesterschaft. Die Nationaldemokraten kamen zu dem Entschluß, daß man die Zusammenarbeit mit „Katolik“ aufgeben sollte und daß man selber einen Kandidat in den bevorstehenden Wahlen zum Reichstag aufstellen mußte.70

Am 9. November 1902 kam es in Gleiwitz zur Gründung der Polnischen Wahl-gemeinschaft (Polskie Towarzystwo Wyborcze). Weil das Nationalbewußtsein der Oberschlesier noch zu gering war, forderten manche Nationaldemokraten weiterhin die Annährung an „Katolik“. Allerdings für viele von ihnen (u.a. auch Korfanty) kam eine Zusammenarbeit zwischen den beiden Kreisen nicht in Betracht. Napieralski lehnte wiederum den politischen Radikalismus der Nationaldemokraten ab und verzichtetet auf die Zusammenarbeit mit der Polnischen Wahlgemeinschaft.71

Korfanty wird zum Kandidaten der Endecja (Bezeichnung für die Nationaldemokraten) im Kreis Kattowitz-Zabrze. In dem Wahlkampf benutzte er die modernen Medien, vor allem die Presse. In der Zeitung „Górnoślązak” attackierte er die Zentrumspartei und die Priesterschaft, weil sie ihre Position zur Germanisierung ausnutzte. Die Attacken auf die Priesterschaft sollten ihr hohes Ansehen, das sie beim oberschlesischen Volk genossen, erschüttern.72 Der Konflikt mit der katholischen Kirche führte dazu, daß man ihm die kirchliche Hochzeit verweigerte. Er mußte bis nach Krakau fahren, wo er dann heiratete.73

In den Wahlen am 7. Juni 1903 kam es zu keiner Entscheidung. Am 25. Juni kam es zu Stichwahlen zwischen Korfanty und dem Zentrumskandidaten Paul Lechota. Korfanty gewann mit 50,7% Stimmen (Lechota bekam 49,3% Stimmen). Sein Erfolg ist den Sozialisten zu verdanken, die Korfanty in den Stichwahlen unterstützten, weil sie die Hegemonie des Zentrums brechen wollten. Er ist als einziger Abgeordneter der Endecja im Jahre 1903 in den Reichstag eingezogen und hatte damit die politische Alleinherrschaft der Zentrumspartei in Oberschlesien gebrochen.74 Sein Erfolg ist den neuen Techniken der Agitation zu verdanken. Er kannte die Psyche der oberschlesischen Arbeiter und konnte das zu seinen Zwecken ausnutzen.75

Korfanty war drei Mal in den Reichstag gewählt worden. Er war auch Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses in den Jahren 1904 bis 1918.76

3.2.2. Korfantys Weg bis zum Ende des 1. Weltkriegs

Die Popularität Korfantys stieg weiter an. Großen Anklang fand seine Rede im Reichstag am 28. Januar 1904. Er warf der preußischen Regierung vor, daß sie die polnisch-oberschlesische Arbeiterschaft wirtschaftlich, sozial, rechtlich, kulturell und national unterdrückte. Die Lage der schlesischen Arbeiter sei so schlecht wie nirgendwo in Deutschland. Er betonte auch, daß Oberschlesien sehr selten Gegenstand einer Debatte im Reichstag war. Wenn man über Oberschlesien debattierte, dann nur um neue Repressivmaßnahmen gegen die dort lebenden Polen einzuführen. Die Benutzung der polnischen Sprache wurde nach der Meinung Korfantys nicht selten mit einer Geldstrafe oder sogar mit einer Entlassung aus der Arbeit bestraft. Korfanty hat auch den Reichskanzler von Bülow attackiert, weil dieser das oberschlesische Volk beleidige, indem er es als Wasserpolacken bezeichnet. Korfanty unterstrich, daßwasserpolnisch ein altpolnischer Dialekt ist, was ein Beweis für die ethnische Zugehörigkeit Oberschlesiens zu den restlichen polnischen Gebieten sei.77

Nach Protesten der Zentrumspartei kam es in dem Kreis Kattowitz-Zabrze im Jahre 1905 zu einer Neuwahl. Als Kandidat der Zentrumspartei wurde diesmal der Pfarrer Johannes Kapitza aufgestellt. Der Sieg Korfantys war überwältigend. Er bekam über 23.000, Kapitza dagegen nur ca. 9.000 Stimmen.78

Nach der Wahlniederlage forderte Adam Napieralski die Gründung einer eigenständigen polnisch-oberschlesischen Zentrumspartei, die in der Allianz mit dem deutschen Zentrum diewasserpolnische und deutsche Priesterschaft vereinen sollte, um den politischen Radikalismus zu bekämpfen. Nach der Ablehnung des Projektes durch die Zentrumspartei verließ Napieralski diese Partei und ging in das Lager Korfantys über. Die Zusammenarbeit der beiden Persönlichkeiten konnte aus ambitionellen Gründen nicht gut gehen. Beide wollten als Führer der oberschlesischen Polen gelten. Korfanty war aber aus finanziellen Gründen auf die Zusammenarbeit mit Napieralski angewiesen. Es kam auch zu einer Wende des gestörten Verhältnisses Korfantys zur Kirche. Korfanty versprach, die Priesterschaft in Zukunft nicht mehr anzugreifen, die Kirche dagegen erklärte, sie werde die Zeitung „Górnoślązak” und ihre Anhänger nicht mehr kritisieren.79

In den Reichstagswahlen im Januar 1907 gewinnt das Polnische Wahlkomitee (Polski Komitet Wyborczy) unter der Führung von Korfanty und Napieralski in fünf von ingesamt zwölf Wahlkreisen. Als Abgeordnete in den Reichstag wurden Korfanty, Napieralski, Brandys, Jankowski und Skowronski gewählt.80 In diesem Jahr ist Korfanty aus der Nationalen Liga ausgetreten, obwohl er nationaldemokratische Ziele verfolgte.

Nach dem Angriff des Pfarrers Kapitza, daß Korfanty ein polnischer Chauvinist sei, erklärte Korfanty: „Keiner von uns denkt an eine gewaltsame Trennung von Preußen, und niemand bereitet einen bewaffneten Aufstand vor”.81 Korfanty wies auch Vorwürfe von Kapitza zurück, daß die Ideologie der Endecja die polnische Version des Hakatismus sei.82


Abb. 3: Wojciech Korfanty

Im Jahre 1910 übernahm Napieralski die Leitung der Zeitungen “Polak” und “Kuryer Śląski”. Das waren Korfantys Zeitungen, die er aber aus finanziellen Gründen verkaufen mußte. Korfanty wurde zu einem Redakteur degradiert, und Napieralski war sein Arbeitgeber. Dadurch verlor Korfanty an politischer Bedeutung in Oberschlesien.83

Im Jahre 1911 wurde die Polnische Partei in Oberschlesien (Polskie Stron-nictwo na Śląsku) gegründet. Sie vereinigte die Anhänger Napierlaskis und Korfantys. Diese Partei sollte die nationalen und bürgerlichen Freiheiten der Polen Oberschlesiens auf der Basis der polnischen, katholischen und demokratischen Grundrechte verteidigen. Sie sollte die Polen vor einer nationalen Vernichtung, vor allem seitens der Hakatisten und Sozialdemokraten, schützen. Korfanty hatte auch die Endecja bekämpft, die er für seine schwere wirtschaftliche und politische Lage verantwortlich machte.84 Wegen der Proteste der Endecja erklärte Korfanty seinen Rücktritt als Kandidat für die Reichstagswahlen im Jahre 1912. Er verließ Oberschlesien und siedelte nach Berlin um.

Am Anfang des 1. Weltkriegs strebte er, fest davon überzeugt, daß Deutschland den Krieg gewinnen würde, nach einer Zusammenarbeit mit deutschen Politikern. Dafür verlangte er aber die Aufhebung der antipolnischen Gesetze.85

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