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Kampf um Oberschlesien

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3.3. Kampf um Oberschlesien

Am 6. Juni 1918 wurde Wojciech Korfanty zum letzten Mal in den deutschen Reichstag gewählt. Ende September 1918 übernahm er die Leitung des Polnischen Parlamentarischen Pressebüros (Polskie Biuro Parlamentarno-Prasowe) in Berlin.86

Die Niederlage der Mittelmächte stand kurz bevor. In Anlehnung an den 13. Punkt der Friedensbotschaft des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson87 forderte Wojciech Korfanty am 25. Oktober 1918 in seiner Rede im Reichstag den Anschluß aller ethnisch polnischen Gebiete (darunter Mittel- und Oberschlesiens), die zur Zeit in der preußischen Besatzung seien, an Polen.88

Nach dem Ausbruch der Revolution im November 1918 verließ Korfanty Berlin. Er engagierte sich für den Aufbau der administrativen und politischen Strukturen in Großpolen. Es entstand der Polnische Volksrat (Komitet Obywatelski) in Posen, dessen Mitglied Korfanty war. Korfanty wurde durch die politischen Anführer aus Großpolen zum Kandidaten für den Posten des Premierministers bestimmt. Diese Kandidatur wurde aber von Józef Piłsudski abgelehnt. Korfanty kehrte nach Posen zurück, wo er sich erfolgreich an der Zurückgewinnung Großpolens für Polen beteiligte.89

Korfanty setzte sich für friedliche Mittel im Kampf um Oberschlesien ein. Das hinderte ihn aber nicht daran, die Bildung von paramiltärischen Organisationen – wie die Polska Organizacja Wojskowa Górnego Śląska, abgekürzt POW (Polnische Militärorganisation Oberschlesiens) – zu unterstützen.90

Trotzdem war Korfanty der Meinung, man sollte alle möglichen diplomatischen Versuche unternehmen, um die Alliierten zu überzeugen, daß Oberschlesien ethnisch ein polnisches Gebiet sei. Die polnische Delegation auf der Friedenskonferenz in Paris suchte vor allem bei den Franzosen Unterstützung im Kampf um Oberschlesien. Frankreich, das an der wirtschaftlichen Schwächung Deutschlands interessiert war, unterstützte die polnischen Forderungen, die zusätzlich durch die Ergebnisse der Volkszählung aus dem Jahre 1910 untermauert wurden. Sie zeigten, daß die Mehrheit der Oberschlesier als ihre Alltagssprache die polnische angegeben hatten. Diese Argumentation führte dazu, daß Oberschlesien am 7. Mai 1919, im ersten Entwurf des Versailler Vertrages, ohne Abstimmung an Polen fallen sollte, ausgenommen die südlichen Teile des Kreises Ratibor, das Hultschiner Ländchen, das der Tschechoslowakei zugedacht war.

Korfanty widersetzte sich dem „Marsch nach Schlesien“, der durch die großpolnischen Streitkräfte gefordet wurde. Er wußte, daß man auf den Widerstand des deutschen Militärs stoßen würde, und daß vor allem eine solche Aktion die Sympathie der Oberschlesier für Polen zunichte machen konnte.91

Der Friedensvertrag vom 7. Mai 1919 wurde durch die deutschen Diplomaten abgelehnt. Sie argumentierten, daß man die Sprache nicht mit der nationalen Identität gleichsetzen könne. Es kam auch zu zahlreichen Protestkundgebungen in Oberschlesien, die gegen den Versailler Vertrag gerichtet waren. Daraufhin änderten die Siegermächte den Versailler Vertrag, und am 14. Juni 1919 beschloßen sie, daß in Oberschlesien eine Abstimmung über die Zugehörigkeit dieses Gebietes zu Deutschland oder zu Polen entscheiden wird.92

Im Jahre 1919 gelang es Korfanty, der weiterhin von der Zustimmung der Siegermächte in der oberschlesischen Frage überzeugt war, zweimal – im April und im Juni – den Ausbruch des ersten schlesischen Aufstandes zu verhindern. Das führte aber zu Konflikten zwischen Korfanty und der POW.93 In der Nacht vom 17. zum 18. August 1919 kam es jedoch zum Ausbruch des ersten Aufstandes, dessen Gegner Korfanty war. Als direkter Grund des Aufstandes wird das Massaker in Myslowitz angegeben. Am 15. August wurden dort während eines Streiks 10 Personen vom deutschen Grenzschutz getötet. Nach anfänglichen Erfolgen wird der Aufstand nach einer Woche am 24. August durch den oberschlesischen Kommandanten der POW, Alfons Zgrzebniok, beendet. Dieser Aufstand war für Polen ein Mißerfolg.94

Im Dezember 1919 wurde Korfanty zum polnischen Plebiszitkommissar ernannt. Als geborener Oberschlesier, der die Situation dieses Gebietes kannte, war er ein perfekter Kandidat, der die unentschlossenen Oberschlesier (schwebendes Volkstum) zugunsten Polens beeinflussen konnte. Zum Sitz des polnischen Plebiszitkommissariats (Polski Komisariat Plebiscytowy) wurde das Hotel „Lomnitz“ in Beuthen gewählt. Als deutscher Plebiszitkommissar wurde Kurt Urbanek, Bürger-meister von Roßberg im Kreis Beuthen, ernannt.95

Es begann ein propagandistischer Kampf zwischen Deutschen und Polen, um das schwebende Volkstum durch Versprechungen auf ihre Seite zu ziehen. In seinem ersten Aufruf an die Oberschlesier schrieb Korfanty, daß er von einem Erfolg bei der Abstimmung überzeugt sei. Er sei sicher, daß die Oberschlesier Polen wählen würden und daß es zu einer friedlichen Angliederung Oberschlesiens an Polen kommen würde. Er rief auch alle Oberschlesier zu einer aktiven Mitarbeit für die Vereinigung Oberschlesiens mit Polen auf.96

Korfanty war ein moderner Agitator. Als wichtiges Mittel der Wahlbeein-flußung benutzte er die Presse. Im November 1919 wurden in Oberschlesien 66 deutsche und nur 12 polnische Zeitungen herausgegeben. Nach seiner Ernennung zum Plebiszitkommissar bemühte sich Korfanty, der von der Macht der Presse überzeugt war, diese ungünstige Situation zu verändern. Korfanty versuchte, einige Zeitungen zu übernehmen. Er gründete auch eigene Zeitungen. Das waren sowohl deutsch- wie auch polnischsprachige Zeitungen. Das Zeitungsangebot war sehr breit: von Tageszeitungen über Frauenzeitungen, satirischen Schriften bis zu Wochenblättern für Bauern.97

Neben der Erweckung des polnischen Nationalbewußtseins bei den Oberschlesiern war auch der ökonomische Faktor ein wichtiger Bestandteil der Abstimmungspropaganda. Die polnische Seite versuchte, die Reparations-forderungen der Siegermächte gegenüber Deutschland zu ihren Gunsten zu benutzen. Man wollte die Oberschlesier mit unvorstellbar hohen Schulden, die jeder Bürger zahlen müßte, wenn Oberschlesien bei Deutschland bleiben würde, beeindrucken. Wenn Oberschlesien an Polen, das frei von Kontributionen ist, angeschlossen würde, könne es sich frei und unbelastet entwickeln, meinte Korfanty.98

Viel Aufmerksamkeit wurde den oberschlesischen Bauern gewidmet. Am 10. Juli 1919 wurde in Polen eine Agrarreform verabschiedet. Korfanty nutzte das zu propagandistischen Zwecken und versprach den Bauern Bodenparzellierung. Es wurden Listen angefertigt, in die die Einwohner eintragen konnten, welche Landflächen sie nach dem Wahlsieg zu erhalten wünschten. Nach dem deutschen Protest verbot die Interalliierte Kommission, solche Bücher weiterzuführen. Man werde den Boden für einen günstigen Preis kaufen können. Korfanty versprach zusätzlich, daß die ärmsten Oberschlesier Boden und eine Kuh (so entstand der Begriff Korfantys-Kuh, mit dem die Anhänger Korfantys von der deutschen Propaganda verspottet wurden) nach dem Abstimmungssieg umsonst bekommen würden. Die polnische Propaganda versicherte, daß die Bodenreform in Polen voll im Gange sei, was in Wirklichkeit nicht stimmte. Um die Versprechungen glaubwürdig zu machen, wurde an der polnischen Grenze zum Abstimmungsgebiet eine Bodenparzellierung durchgeführt. Auch die deutsche Propaganda versprach eine Bodenreform.99

Sowohl die polnische wie auch die deutsche Seite versprachen den Oberschlesiern eine gewisse Autonomie. Am 14. Oktober 1919 verabschiedete die preußische Landesregierung einen Beschluß, in dem Schlesien in die Provinzen Oberschlesien und Niederschlesien aufgeteilt wurde. Dieses Gesetz sicherte den Oberschlesiern eine provinzielle Selbstverwaltung. Als polnische Antwort wurde am 15. Juli 1920 vom Sejm das Organische Statut der Woiwodschaft Schlesien (Statut Organiczny Województwa Śląskiego) verabschiedet. Józef Buzek, der zusammen mit Korfanty dieses Statut vorbereitete, meinte, daß dieses Gesetz drei Gründe hätte: den propagandistischen Zweck, die besondere rechtspolitische und ökonomische Lage Oberschlesiens und das Streben der Oberschlesier nach Selbstverwaltung.100 Der Schlesischen Woiwodschaft, die aus dem Teschener Gebiet und aus den Gebieten, die Polen nach der Abstimmung bekommen würde, entstehen sollte, wurde politische und wirtschaftliche Selbständigkeit garantiert. Zu den wichtigsten Beschlüssen gehören: die Bildung des Schlesischen Sejms, eine eigene Verwaltung mit Ausnahme von Militärwesen und der Außenpolitik, ein eigener Haushalt, die Beibehaltung aller sozialen Errungenschaften aus der deutschen Zeit. Man versprach noch zusätzlich die Einführung einer eigenen Währung und eine mehrjährige Befreiung der Oberschlesier von der allgemeinen Wehrpflicht.101 Daraufhin verabschiedete am 27. November 1920 der Reichstag einen Beschluß, der den 167. Artikel der Weimarer Verfassung ergänzte. Dieses Gesetz sah drei Monate nach der Teilung Oberschlesiens ein Referendum auf dem in Deutschland gebliebenem Gebiet vor. Dieses Referendum sollte über die Erhebung Oberschlesiens zum autonomen Bundesland entscheiden. Der polnische Sejm verabschiedete am 8. März 1921 ein Gesetz, in dem die Oberschlesier, wenn sie die gleichen Qualifikationen besaßen, den Vorrang bei der Besetzung aller Stellen in Oberschlesien bekamen. Die Oberschlesier wurden auch für acht Jahre von der allgemeinen Wehrpflicht befreit.102

Der Abstimmungkampf verlief nicht immer friedlich. Die Interalliierte Kommission konnte die Gewaltakte auf beiden Seiten nicht verhindern. Am 17. August 1920 wurde in Katowice ein polnischer Aktivist, Adam Mielęcki, getötet. Einen Tag später kam es zum Ausbruch des zweiten Aufstandes, der von Korfanty nicht gewollt war. Unter dem Druck der POW unterschrieb er jedoch den Befehl zum Aufstand.103 Korfanty wollte durch diesen Aufstand die Alliierten zur Auflösung der Sicherheitspolizei (Sipo) zwingen. Als diese Forderung am 24. August realisiert wurde und eine polnisch-deutsche Abstimmungspolizei (Apo) gebildet wurde, befahl Korfanty die Beendigung des Aufstandes. Es kam zum Konflikt mit den Anführern der POW (u.a. mit Michał Grażyński), weil Korfanty versuchte diese Organisation unter seine Kontrolle zu bringen.104

Am 20. März 1921 kam es in Oberschlesien zur Abstimmung, in der über 59,6% der Wahlberechtigten für Deutschland und 40,4% für Polen gestimmt haben.105

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