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Konzeption und Wandel – Zentrumspartei nach der Abstimmung

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2.4. Zentrumspartei nach der Abstimmung

Nach der Abstimmung, bei der über 59% der Oberschlesier für Deutschland gestimmt hatte, forderte die Zentrumspartei die Beibehaltung des ganzen Abstimmungsgebietes bei Deutschland. Man versicherte auch, daß die Partei alle möglichen Schritte unternehmen werde, um so schnell wie möglich, den Bundesstaat Oberschlesien zu bilden. Dies wurde am 26. September 1921 auf der Parteikonferenz in Gleiwitz bestätigt.52

Die Teilung Oberschlesiens, die die Interalliierte Kommission im Oktober 1921 beschloß, änderte nichts an den autonomen Bestrebungen des Zentrums. Die Reichsregierung versicherte ihrerseits auch, daß sie ihr Versprechen über ein Referendum in Oberschlesien erfüllen werde.

Am Ende des Jahres 1921 begann unter der Führung von Franz Erhardt die Kampagne des Zentrums für die bundesstaatliche Autonomie in dem Referendum, das für den 3. September 1922 geplant wurde.

Die Regierung sprach sich gegen die Gründung des Landes Oberschlesien aus. Man begründete das damit, daß die Polen dort wahrscheinlich die Mehrheit in der Landesversammlung erreichen und die Deutschen zu einer untbedeutenden Minderheit degradiert werden. Die Zentrumspartei lehnte dieses Argument ab, weil ihrer Meinung nach die meisten Polen auf die polnische Seite Oberschlesiens übergegangen seien. Die Gegner der Autonomie begründeten das auch damit, daß Oberschlesien ökonomisch zu schwach sein werde, um ein selbständiger Bundesstaat zu werden. Zentrum erwiderte darauf, daß es in dem Reich noch kleinere Länder gibt, z.B.: Hessen. Zu den härtesten Gegnern der oberschlesischen Autonomie zählte der preußische Ministerpräsident Otto Braun, der am 19. März 1922 während der Eröffnung einer Handelsmesse in Breslau betonte, daß Oberschlesien seine Entwicklung nur Preußen verdanke und ohne seine Hilfe bald untergehen werde.53

Während der Parteikonferenz des Zentrums in Neustadt O.S. am 27. März 1922 betonte Karl Ulitzka, daß die Zentrumspartei ihr Versprechen einhalten müsse. Man verfaßte eine Resolution54, in der man den preußischen Ministerpräsident Otto Braun erinnerte, daß nicht er, sondern das oberschlesische Volk selber über seine Zukunft entscheiden wird. Die Autonomie soll die Eigenartigkeit Oberschlesiens respektieren, damit sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Im vorletzten Punkt empfahl die Partei, für die Autonomie zu stimmen, die Entscheidung sollte jedoch jeder nach seinem Gewissen treffen. Hier wird deutlich, daß die Partei sich seines Weges nicht mehr so sicher war.

Karl Ulitzka wandte sich mit der Erklärung an die preußische Regierung, daß die Zentrumspartei im Falle einer Erweiterung der Selbstverwaltung für Oberschlesien, bereit sei, auf die autonomen Bestrebungen zu verzichten. Die preußische Regierung ging auf diesen Vorschlag ein. Der preußische Landtag erweiterte am 11. Juli 1922 die provinzielle Selbstverwaltung.55 Oberschlesien wurde zu einer priviligierten Provinz, wo man die Eigenart der Region beachten sollte. Die Provinz konnte über die Zulassung anderer Unterrichtssprachen neben der deutschen sowie einer anderen Amtssprache in den Landesteilen, wo man eine andere Sprache benutzte, entscheiden.

Der erste Abschnitt dieses Gesetzes verstärkte die Position des Zentrums in Oberschlesien, weil die Besetzung der vier wichtigsten Posten in der Provinz (Oberpräsident, Regierungspräsident und Vorsitzender des Provinzialschul-kollegiums und des Landeskulturamtes) in der Übereinstimmung mit dem Provinzialauschuß (wo das Zentrum als die populärste Partei die Mehrheit besaß) erfolgen sollte.

Das genügte der Zentrumspartei, um sich von der Konzeption der bundesstaatlichen Autonomie endgültig abzuwenden. Am 1. September 1922, also zwei Tage vor dem Referendum, wurde eine Resolution56 veröffentlicht, in der man die Wähler überzeugen wollte für die Beibehaltung Oberschlesiens als eine preußische Provinz zu stimmen. Es wurde auch betont, daß alle Bedenken durch das Gesetz vom 11. Juli 1922 beseitigt seien und daß man sich gemeinsam mit anderen Parteien für den Aufbau der Provinz einsetzen wolle.

Wer die Popularität des Zentrums in Oberschlesien kannte, wußte, daß das Referendum durch diese Resolution nur eine Formalität war. Am 3. September 1922 nahmen an dem Referendum ca. 75% der Beteiligten teil. Über 90% stimmten für das Verbleiben Oberschlesiens in Preußen und nur 50.743 Personen (ca. 10%) waren für die Bildung eines autonomen Bundeslandes innerhalb des Deutschen Reiches.57 Damit war das Streben Oberschlesiens nach Autonomie beendet.

Die Zentrumspartei setzte sich für den Aufbau der Provinzselbstverwaltung ein, die schon im Jahre 1933 durch die Machtergreifung Hitlers unterbrochen wurde.

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