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Apr 02 2017

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Deutsche und Polen – eine einzigartige Schicksalsgemeinschaft in Mitteleuropa!

Eine kritische Betrachtung der mehrteiligen Fernsehdokumentation „Die Deutschen und die Polen – Geschichte einer Nachbarschaft“.  

„Deutsche und Polen“ haben viel gemeinsam, wohl viel mehr als mit dem westlichen Nachbar, den Franzosen. Diese Tatsache rührt u.a. seit der Landshuter Hochzeit (die Tochter des polnischen Königs Kasimir IV., Hedwig, heiratete 1475 den bayerischen Herzog Georg den Reichen) oder der wiederkehrenden Teilung Polens u.a. durch Preußen. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde Polen in Europa wieder präsent und eigenständig. Die Verbindung zwischen Deutschen und Polen riss allerdings, mehr als tragisch durch den Zweiten Weltkrieg und den Kommunismus für Jahrzehnte ab. Durch den Beitritt Polens zur Europäischen Union 2004 und der Arbeitnehmerfreizügigkeit 2011 konnten sich Deutsche und Polen wieder uneingeschränkt näher kommen. Schritt für Schritt passierte dies auch, kamen so die meisten Ehen untereinander zustande, mehr wie mit jeder anderen Nation.

Gesamteindruck:

„Die Deutschen und die Polen“ ist allem Anschein nach die Fortsetzung der ZDF- Dokumentationsreihe „Die Deutschen“, die in zwei Staffeln, mit zehn Folgen produziert wurde. Schwerpunkt ist jedoch ganz klar, die deutsch-polnische Geschichte und das Verhältnis zueinander. Die Kritik, die bei Wikipedia über der Reihe „Die Deutschen“ zu lesen ist ist sicherlich nicht ganz falsch. Die Dokumentation steht zwischen Unterhaltung und Information und soll massentauglich sein. Sie soll dem deutschen Fernsehzuschauer seine eigene Geschichte näher bringen. Nicht viel anders sieht es mit der Fortsetzung „Die Deutschen und die Polen“ aus. Dass Szenen aus mancher Folge „Die Deutschen“ in „Die Deutschen und die Polen“ verwendet wurden ist noch die kleinste Nachlässigkeit und wegen der Wiedererkennung wahrscheinlich auch gewollt. Auch hier ist die Zielgruppe der Durchschnittsdeutsche. Absicht war wohl die komplexe Geschichte „der Polen“ „den Deutschen“ näher zu bringen. Diese Absicht ist sicherlich gut gemeint, hat doch der „Otto Normalverbraucher“ nur wenig Interesse am früheren Ostblockstaat. Für ihn ist Polen eher eine terra incognita, ähnlich wie für den „Wessi“ die sog. neuen Bundesländer bis heute. Dennoch sind es, handwerklich gut gemachte und sehenswerte Filme, spannend und unterhaltsam erzählt. Als fördernder Partner konnte sogar das Land Hessen sowie beratend Dr. Peter Oliver Loew, stellvertretender Direktor vom Deutschen Polen-Institut und Prof. Dr. Igor Kąkolewski, stellvertretender Direktor vom Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften gewonnen werden.

Die grenzüberschreitenden TV-Senderkooperationen arte (DE und FR) und 3sat (DE, AT und CH) erfüllen ihren Bildungsauftrag mehr denn je und die umliegenden Nachbarn lernen sich besser kennen. Bezüglich unserer beiden östlichen Nachbarn, Tschechien und Polen, sieht es mau aus, einzelne TV-Sendungen reichen nur bedingt aus und müssen vom Zuschauer erst mühsam zusammengesucht werden. Kulturell und auch historisch hängen die Staaten Mitteleuropas wie Deutschland, Polen, Tschechien und Österreich eng zusammen. Zu berichten gäbe es also eine ganze Menge, über Osteuropa oder über Gemeinsamkeiten.

Es sind Glanzlichter und Glanzbilder die für sich sprechen. Bestes Beispiel ist der polnische Urgroßvater unserer Kanzlerin, Angela Merkel. Wesentlich für die deutsch-polnische Freundschaft steht der Nachbarschaftsvertrag und das Jugendwerk von 1991. Charakter zeigte die Regierung der Bundesrepublik als sie die polnischen „Freiheitskämpfer“ der Solidarność-Zeit politisches Asyl erteilte.

Die sog. „Ruhrpolen“ kann man ruhig als Erbe Preußens sehen. Ende des 19.Jahrhunderts kamen Polen, Kaschuben, Masuren und Oberschlesier ins westfälische Ruhrgebiet und nach Berlin. Nur die polnisch klingenden Namen im Ruhrgebiet sind ein Relikt dieser Migrationsbewegung. Sie sind in der deutschen Gesellschaft vollkommen aufgegangen. Heute wird diese Zeit weitgehend verklärt. Ein anderes Beispiel wären die deutschen Siedlungsgebiete in Mittelpolen, z.B. um die Industriestadt Łódź, oder im Posener Land (Stichwort: Bamberger > Bambry). Und lebten nicht deutsche Kaufleute als polnische Untertanen in Danzig der Frühen Neuzeit. Ein gern vergessenes Kapitel deutsch-polnischen Zusammenlebens.

Die TV-Dokumentation hätte eine Chance gehabt, einige Kapitel der deutsch-polnischen Geschichtsschreibung vom nationalistischen Mythen zu bereinigen. Dabei denken wir an die Gemälde von Jan Matejko, der die Glanzlichter der polnischen Geschichte in schillernden Farben darstellte. War die Schlacht bei Grundwald/Tannenberg 1410 in der Tat eine Schlacht Deutsche gegen Polen oder kämpften hier vielmehr der europäische Adel auf unterschiedlichen Seiten gegeneinander? War die „Preußische Huldigung“ kein Akt der Unterwerfung Preußens unter die polnische Krone, sondern tatsächlich die Belehrung des fränkischen Herzogs Albrecht von Brandenburg-Ansbach mit (Ost-)Preußen durch den polnischen König Sigismund I., seinen Onkel?  In den letzten tausend Jahren gab es einen permanenten Zuzug von Menschen sowohl in den Osten als auch in den Westen. Im Mittelalter waren es die Deutschen, die die Gebiete Pommerns, Preußen (das spätere Ostpreußen) und Schlesiens besiedelt haben. Gebiete, in den auch slawische Stämme beheimatet waren.

Eine kleine Nebensächlichkeit die uns der erste Film „Die Deutschen und die Polen“ nicht verriet sondern wir im Teil 6 der zweiten Staffel aus „Die Deutschen“ erfahren: August der Starke und die Liebe. August der Starke von Sachsen hatte große Ambitionen, er will sich um den polnischen Thron bewerben. Mit François Louis de Bourbon, prince de Conti, gibt es aus Frankreich einen Mitbewerber. Um gewählt zu werden, flossen sowohl aus Sachsen wie auch aus Frankreich große Mengen an Bestechungsgelder. In der damaligen Zeit nicht unüblich. Conti konnte eine größere Stimmenzahl als August auf sich vereinigen, so dass er am 27. Juni 1697 zum König von Polen gewählt wurde. Sächsische Truppen nötigten jedoch Conti und durch die Zahlung von rund zwei Millionen Gulden Bestechungsgelder setzte sich der sächsische Kurfürst durch. Wikipedia bestätigt diese Version.

Was wiederum kein Problem in „Die Deutschen und die Polen“ zu sein scheint, ist die Erwähnung der Tatsache, dass August vom Protestantismus zum Katholizismus konvertiert ist. Am 15.September 1697 folgt unter polnisch-litauischen Adel die Krönung in Krakau. Durch die Regentschaft der Sachsen August der II. und August der III. blühten die Beziehungen, Kunst und Kultur zwischen Dresden und Warschau auf.

Am Ende des dritten Films „Deutsche, Polen und Juden“ ist den Machern der Filme wohl ein Fauxpas unterlaufen. Es wird behauptet, dass bei der sog. Solidarność-Migration weit über 1 Million Polen ihr Land verlassen haben. Durch Bestimmung des Alliierten Kontrollrats war Westberlin für die Polen die einzige westeuropäische Stadt, in die sie visafrei einreisen konnten. Es waren mehr als 30.000 aber keine Million Polen die nach Westberlin oder Westdeutschland kamen.

 

Fakt ist: Zum Schutz der Interessen der Bürger der DDR wird am 30.10.1980 die Grenze zur Volksrepublik Polen abgeriegelt. Es beginnt eine antipolnische Kampagne der SED unter Ausnutzung von Stereotypen und Ressentiments in der Bevölkerung. Über ein militärisches Einschreiten wurde laut nachgedacht, die Solidarność als „Bazillus“ und „gefährliche Konterrevolution“ gebrandmarkt. Das ausrufen des Kriegszustandes 13.12.1981 wurde von der SED ausdrücklich begrüßt und unterstützt. Es mag eine Rolle zwischen den Aktivitäten der Gewerkschaft Solidarność und der Mauerfall in Berlin gespielt haben, mit der Folge der Wiedervereinigung zweier deutscher Systeme. Proteste gab es in allen größeren Städten der DDR. Ein Höhepunkt der friedlichen Revolution war am 9.11.1998. Ziel war nicht zwingend die Wiedervereinigung sondern auch eine politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Erneuerung. Ähnlichen Umbruch und Wandel wie in der Volksrepublik Polen und der DDR gab es aber auch in Litauen, Lettland und Estland, in der Tschechoslowakei, Ungarn usw. Mit bis zu 10 Millionen Mitglieder hatte die Gewerkschaft Solidarność einen enormen Beitrag und Einfluss auf Polen geleistet. Die alte Bundesrepublik bis 1990 und ihre Volksparteien CDU und SPD standen nicht zu einer Wiedervereinigung, sie waren zurückhaltend und passiv. Im Nachhinein stilisiert die Bundesrepublik die Solidarność zum Mythos. Einen Einfluss auf beide deutsche Staaten ist nicht von der Hand zu weisen, ist jedoch eher intellektuell zu sehen.   

Ist die Geschichte der Deutschen und Polen nur eine Geschichte der Nachbarschaft?

An den Bruchlinien der deutsch-polnische Nachbarschaft entstanden drei eigenständige Ethnien: die Kaschuben, Masuren, und die Oberschlesier (gemeint ist vor allem die slawischsprachige Bevölkerung). Gerne spricht man von Grenzvölkern, weil sie die Deutschen und die Polen voneinander abgrenzen. Schöner und wahrscheinlicher viel interessanter ist der Begriff der „Scharniervölker“. Damit wird die Verbindung zueinender deutlich. All diese kleinen Völker haben ihre kulturelle Identität bewahrt wie zum Beispiel ihre Sprache (Kaschubisch, Masurisch oder Oberschlesisch/Wasserpolnisch) und sind zum Bestandteil, erst des preußischen und dann des  deutschen Staates geworden. Erst Ende des 19. Jahrhunderts entbrannte ein wahrer Wettlauf um die nationale Identität dieser Großgruppen mit den uns allen bekannten Ergebnissen (Volksabstimmungen nach dem Ersten Weltkrieg in Masuren und Oberschlesien, nationale Propaganda, Bürgerkrieg und die Teilung Oberschlesiens). Viele, etwa 1,5 Millionen kamen in den Aussiedlungswellen der 1950er, 70er und 80er Jahren nach Deutschland. Heute versteht sich ein Teil dieser Gruppen als Polen – ein anderer Teil als Deutsche und anerkannte Minderheit — ein Dritter als Ethnie und Nation (Kaschuben und Oberschlesier).

Dr. Loew, der auch in der TV-Dokumentation seine Expertise einbrachte, verfasste vor einigen Jahren das hochgelobte Buch “Die Unsichtbaren – die Geschichte der Polen in Deutschland”. Gerade bei ihm kann man nachlesen, wie viele Menschen polnischer Zunge (die Frage der nationalen Identität ist bei den Scharniervölker sehr problematisch) in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben. Leider geht dieser interessante Aspekt in der TV-Dokumentation komplett unter, es wird schlicht nicht behandelt. Vielleicht wäre es eine weitere TV-Dokumentation wert, die Geschichte und Gegenwart von Kaschuben, Masuren und Oberschlesier näher zu beleuchten.
Die vierteilige Doku-Reihe wie auch unsere Ergänzung scheint notwendig, dass sich das Verhältnis dieser Schicksalsgemeinschaft im Herzen Europas weiterhin für einen Normalen und Entspannten Umgang miteinander sorgt.      

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