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Mai 05 2016

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Autonomie in Oberschlesien – Chancen und Alternativen

Fachgespräch der schlesischen Verbände zur Frage einer kulturellen Autonomie im historischen Oberschlesien.

Die Mitglieder der schlesischen Verbände trafen sich am Dienstag, 26. April 2016, im Haus des Deutschen Ostens in München. Gastgeber war die Initiative für die kulturelle Autonomie Schlesiens e.V. (IkAS) aus Würzburg in Unterfranken. Neben den Vertretern der Landsmannschaft Schlesien und der Landsmannschaft der Oberschlesier fanden sich auch Angehörige der Freien Wählern und der CSU ein.

Im Mittelpunkt des Fachgesprächs ging es um die Frage, ob eine (kulturelle und wirtschaftliche) Autonomie im historischen Oberschlesien – heute die Woiwodschaften Oppeln und Schlesien – realisiert werden könnte. Seit der politischen Wende engagiert sich im Industrierevier rund um Kattowitz/ Woiwodschaft Schlesien die Bewegung für die Autonomie Oberschlesiens (poln. Ruch Autonomii Śląska – RAŚ) für mehr Selbstverwaltung und für die Anerkennung der oberschlesischen Ethnie und Sprache. Auch in der Woiwodschaft Oppeln möchte die Autonomiebewegung Fuss fassen. Dieses Vorhaben beäugen manche Mitglieder der dort ansässigen deutschen Volksgruppe kritisch.

Dr. Hans Jürgen Fahn (FW) hält das Grußwort

Dr. Hans Jürgen Fahn (Freie Wähler) und Josef Zellmeier (CSU), zugleich Landesvorsitzender der Karpatendeutschen Landsmannschaft, sprachen die Grußworte. Dr. Fahn erklärte das Streben nach Autonomie mit diesen Worten: “In einer liberalen Welt muss es möglich sein, dass sich Menschen frei entfalten können, ihr Leben gestalten können wie sie es wollen und sie Respekt für ihre Herkunft und Traditionen erhalten. Das ist es auch, was Europa ausmacht – oder ausmachen sollte: In Vielfalt geeint heißt hier der Wahlspruch.” Er verwies auf die zahlreichen Autonomiebestrebungen in der Welt – von Katalanen in Spanien, über die Texaner in den USA bis zu den Uiguren in China – und betonte, dass Autonomierechte aus eigener Kraft errungen werden müssen.

Die Referenten (von links nach rechts): Lukas Moj, Piotr Dlugosz, Dr. Fahn, Robert Starosta und Damian Spielvogel

Historiker Lukas Moj (IkAS), gebürtig aus Deutsch Piekar/Piekary Śląskie, lieferte einen geschichtlichen Abriss der Jahre 1919-1939. Im Fokus standen die drei Aufstände in Oberschlesien, die Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit der Region 1921 und die Geschichte der autonomen Woiwodschaft Schlesien. Die pro-polnischen Aufstände werden bis heute in Polen glorifiziert. Sie stehen für die Erhebung der Polen gegen ihre deutschen Unterdrücker. Die Geschichte der autonomen Woiwodschaft Schlesien beurteilt so mancher polnischer Historiker kritisch: Die Autonomie habe die Integration der Woiwodschaft in den polnischen Staatsverband verhindert und der deutschen Minderheit einen Schutzraum geboten.

Damian Spielvogel (Landsmannschaft Schlesien) referiert zum Thema Deutsche Minderheit im historischen Oberschlesien

Damian Spielvogel (Bundesgeschäftsführer der Landsmannschaft Schlesien) referierte über die aktuelle Lage der deutschen Minderheit in der Woiwodschaft Oppeln. Sie ist eine anerkannte nationale Minderheit, die sich um 1989/1990 organisiert hat. Spielvogel äußerte Kritik am polnischen Minderheitenrecht: In Polen müssen Individuen ihre Rechte als Minderheit einfordern und es überwachen. In Deutschland ist es im Gegenteil ein Volkstumsrecht, so z.B. überwacht die Domowina, Organisation der Lausitzer Wenden/ Sorben, in Sachsen die Rechten der Minderheit.

Problematisch war auch, dass die deutsche Minderheit ihr Fokus zuerst auf Politik und Wirtschaft legte. „Es hat wenig für die Deutsche Minderheit gebracht“, so Spielvogel, „Man hat es versäumt, die deutsche Sprache in das Alltagsleben der Minderheit einzubringen. Aber die Sprache ist entscheidend für die Identifikation mit dem Kulturkreis.“ Junge Menschen wurden für die Sprache nicht gewonnen. 2007 kam es zu einem Führungswechsel in der deutschen Minderheit, die sich nun stärker für die deutsche Sprache einsetzt. Aber man habe eine ganze Generation verloren. Sein Fazit: Ohne ein deutsches Schulwesen wird sich auf Dauer die deutsche Minderheit nicht behaupten können.

R. Starosta (links) - Dr. Fahn (FW) - P. DlugoszPiotr Długosz (Vorsitzender der Vereinigung der Menschen schlesischer Nationalität) beleuchtete näher, welche Organisationen sich für die oberschlesische Region seit 1989/1990 einsetzen. Der Schwerpunkt des Vortrages lag auf der Bewegung für die Autonomie Oberschlesiens. Sie entstand 1990 in Rybnik und sprach sich für eine Autonomie nach dem Vorbild der autonomen Woiwodschaft Śląsk 1922-1939 aus. Długosz: Heute orientiert sich die Autonomiebewegung an die föderalen Strukturen in Deutschland und Spanien und betont, dass Autonomie nicht mit Separatismus gleichzusetzen sei.

Die Autonomiebewegung trete sehr provokant auf, würde sich aber so Gehör in den polnischen Medien verschaffen und junge Menschen für sich gewinnen. Piotr Dlugosz berichtet über die Arbeit oberschlesischer Organisationen in PolenSie würde positiv auf das Selbstbewusstsein der Oberschlesier einwirken. So engagieren sich immer mehr Menschen im Autonomiemarsch, der jedes Jahr Mitte Juli stattfindet. Die Leute stehen selbstbewusst zur ihrer oberschlesischen Identität und regionalen Sprache. Długosz beklagte auch die Instrumentalisierung der RAS. Das neue Konzept des Schlesischen Museums in Kattowitz empfanden Teile der Politik und Medien als zu deutschfreundlich. Sie warfen der Autonomiebewegung vor, das Konzept – das von einem neutralen Wissenschaftlerrat entwickelt worden ist – in ihrem Sinne beeinflusst zu haben. Der damalige Museumsdirektor, der das neue Konzept befürwortete, musste seinen Stuhl räumen.

Interessant waren auch Długoszs Ausführungen über den Versuch, die oberschlesische Minderheit politisch anzuerkennen. 1996 gründete sich der Verein der oberschlesischen Bevölkerung. Die polnischen Behörden haben die Registrierung dieses Vereins nicht zugelassen, weil sie damit eine Unterwanderung des polnischen Wahlgesetzes befürchteten. Nationale Minderheiten sind von der 5%-Hürde bei den Sejm-Wahlen befreit. Die Mitglieder klagten in Straßburg. Das Europäische Gericht urteilte 2002, Polen darf sein Wahlgesetz schützen. Aber gleichzeitig erkannte das Gericht an, dass sich die oberschlesische Identität von der polnischen unterschied.

2011 gründete sich eine neue Organisation: der Verein der Menschen schlesischer Nationalität. Der Verein wurde registriert. Jedoch klagte die Staatsanwaltschaft gegen die Registrierung – und gewann beim höchsten polnischen Gericht. Gerade jetzt befindet sich der Verein in Auflösung. „Gegen die Auflösung klagen wir,“ betont Długosz, „und wir sind bereit bis nach Straßburg (zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte) zu gehen.“

Robert Starosta stellt die Arbeit der Initiative für die kulturelle Autonomie Oberschlesiens vorRobert Starosta (Vorsitzender der Initiative für die kulturelle Autonomie Schlesiens e.V.) stellte kurz den Verein vor, der als Partner der Autonomiebewegung in Deutschland agiert. Starosta wies auf die vereinseigene Broschüre „Oberschlesien emanzipiert sich – mit oder ohne die Deutschen“ hin und stellte einige Erkenntnisse daraus vor. Die Oberschlesier in Deutschland werden als „Menschen mit Migrationshintergrund“ gesehen. (Gemeint sind die fast eine Millionen Aussiedler aus der Volksrepublik Polen, die seit den 1950er Jahren in die Bundesrepublik kamen.) Der polnische Staat hat sie in der Vergangenheit als „germanisierte Polen“ eingestuft. Heutzutage werden die Oberschlesier immer wieder als „polnische Minderheit“ in Deutschland instrumentalisiert und dienen als Schreckgespenst, um die Rechte der deutschen Minderheit  in Polen zu verringern. „Wir wollen diese Sicht auf die Oberschlesier korrigieren“, so der IkAS-Vorsitzende.

Starosta betonte die gute partnerschaftliche Nachbarschaftsbeziehung zu Polen. Diese gelte es weiterhin auszubauen, Frankreich sei dabei das Vorbild. Die Unterstützung der Autonomie und der Anerkennung der oberschlesischen Sprache sei dabei kein Widerspruch.  “2004 ist Polen der Europäische Union beigetreten. Ich möchte unterstreichen, dass unsere Vereinsinitiative u.a. für die Vertiefung der nachbarschaftlichen Beziehungen sorgt“, so Starosta. Obwohl die schlesische Kultur und Sprache mit dem Deutschen tief verbunden ist, wird in deutschen Medien kaum oder gar nicht darüber berichtet, geschweige den über die Autonomiebewegung. „Das wollen wir ändern“, fügte Starosta bei.

Die anschließende Diskussion bot die Möglichkeit, Fragen zu stellen, Stellungnahmen abzugeben und Probleme zu erörtern.

Referenten und Gäste des Münchner Fachgesprächs Autonomie in OberschlesienDer Vorsitzende der Landsmannschaft Schlesien in Bayern, Christian K. Kuznik, äußerte die Befürchtung, dass das Erstarken der oberschlesischen Regionalsprache die deutsche Sprache in diesem Raum schwächen könnte – und das gleiche befürchte die deutsche Minderheit. Gleichzeitig wissen die Menschen vor Ort nicht, welches politische Programm hinter der Autonomie stecke. Wichtig sei es eben, das Element der deutsche Sprache und Kultur, die schließlich 800 Jahre lang Schlesien geprägt haben, nicht aus den Augen zu verlieren. Auch nicht bei der Forderung nach einem autonomen Oberschlesien.

Piotr Długosz verwies darauf, dass selbst in den Reihen der deutschen Minderheit die Nähe zu deutschen Kultur und Sprache nicht stark ausgeprägt ist. Er habe jetzt angefangen, deutsche Bücher in polnischer Sprache herauszugeben, so z.B. „Ostwind“ von August Scholtis. Nur auf diese Weise, so Długosz, kann man die Menschen für die deutsche Kultur gewinnen – unabhängig davon ob sie der deutschen Sprache mächtig sind.

„Die wahre Größe Europas – aber auch Schlesiens“, so der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft Schlesien, Stephan Rauhut, „sind die grenzüberschreitenden Verbindungen, egal ob wirtschaftlicher, kultureller oder sprachlicher Natur.“ Der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft Schlesien zeigte sich verständlich und positiv gegenüber den Autonomiebestrebungen in Oberschlesien. In Deutschland gelte der Grundsatz der Zusammenarbeit: Zwar können die schlesischen Organisationen unterschiedlichen Schwerpunkt haben, aber – aufgrund des Alters der Mitglieder – müsse man sich gemeinsam für Nieder- und Oberschlesien engagieren.

Zu Gast beim Fachgespräch: Gertrud Müller und die Münchner OberschlesierDie Ehrenvorsitzende der Oberschlesier in München, Gertrud Müller, äußerte einige kritische Worte. In den letzten 25 Jahren seien viele Erwartungen geweckt worden. Leider sei auch einiges, wie z.B. das deutsche Schulwesen, nicht Wirklichkeit geworden. Das läge am Versagen der deutschen Politik, aber auch an falschen politischen Schwerpunkten der Deutschen Minderheit. Gelder flossen eher in die Infrastruktur der polnischen Kommunen, als in deutschsprachige Schulen oder in die deutsche Kultur. Oberschlesien bräuchte mehr Idealisten, so der Appell der deutschen Oberschlesierin.

Die Vertreter der Schlesier bedankten sich ganz herzlich für das Fachgespräch und wünschten den Aktivisten, die sich für die Autonomie stark machen, alles Gute, um die Menschen – egal  ob Polen, Deutsche, Tschechen oder Schlesier – für dieses Ziel zu begeistern.

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